Eine Reederei aus Genf, nicht an der Börse, Platz 14 weltweit. 19 Schweizer Firmen zählen zu den 500 grössten Familienunternehmen der Welt.
Bei Familienunternehmen denkt man schnell an eine Bäckerei, eine Schreinerei oder einen Betrieb, den die Eltern irgendwann an ihre Kinder übergeben.
Doch einige der grössten Unternehmen der Schweiz funktionieren im Kern nach demselben Prinzip. MSC, Roche, Kühne + Nagel, Richemont, Schindler, Swatch, Emil Frey: Hinter ihnen stehen noch immer einzelne Unternehmerfamilien, die einen bedeutenden Teil der Kontrolle besitzen.
Und die Dimensionen sind enorm. Im Global 500 Family Business Index 2025 von EY und der Universität St. Gallen befinden sich gleich 19 Unternehmen mit Sitz in der Schweiz unter den 500 grössten Familienunternehmen der Welt. Vier davon schaffen es sogar unter die globalen Top 100.
Das grösste von ihnen? Keine Bank. Kein Pharmakonzern. Kein Lebensmittelhersteller. Sondern eine Reederei aus Genf: MSC.
Wann ist ein Milliardenkonzern überhaupt noch ein Familienunternehmen?
Bei einem privaten Unternehmen ist die Vorstellung relativ einfach: Eine Familie besitzt die Firma. Aber wie kann beispielsweise der börsenkotierte Pharmakonzern Roche als Familienunternehmen gelten?
Der Index von EY und der Universität St. Gallen verwendet dafür klare Kriterien. Bei privaten Unternehmen muss die Familie grundsätzlich mindestens 50 % der Stimmrechte kontrollieren. Bei börsenkotierten Unternehmen reichen mindestens 32 % der Stimmrechte, weil eine Familie damit bei vielen Publikumsgesellschaften bereits erheblichen oder faktisch kontrollierenden Einfluss ausüben kann. Zusätzlich muss das Unternehmen generationenübergreifend geprägt oder mindestens 50 Jahre alt sein.
Wichtig ist deshalb: Familienunternehmen bedeutet nicht automatisch, dass eine Familie 100 % der Firma besitzt. Entscheidend ist die langfristige Kontrolle.
Und genau deshalb finden sich auf der Schweizer Liste sowohl vollständig private Unternehmen als auch internationale Börsenkonzerne. Der Index ordnet Unternehmen dabei dem Land ihres Firmensitzes zu. Ein Schweizer Familienunternehmen bedeutet deshalb nicht zwingend, dass die kontrollierende Familie ursprünglich aus der Schweiz stammt.
Nummer 1 der Schweiz: MSC
Die mit Abstand grösste Schweizer Familienfirma im Ranking ist die Mediterranean Shipping Company, kurz MSC. EY beziffert den für den Index verwendeten Umsatz auf 92,6 Milliarden US-Dollar. Damit liegt MSC auf Platz 14 der grössten Familienunternehmen der Welt.
Das Unternehmen wurde 1970 von Gianluigi Aponte gegründet. Aus einem einzigen gebrauchten Frachtschiff entstand innerhalb weniger Jahrzehnte die heute grösste Containerreederei der Welt.
MSC ist bis heute nicht börsenkotiert. Das Unternehmen bezeichnet sich selbst ausdrücklich als unabhängiges Familienunternehmen. Gianluigi Aponte ist Group Chairman, sein Sohn Diego Aponte Group President.
Zur Gruppe gehören inzwischen weit mehr als Containerschiffe, unter anderem:
• MSC Cruises
• Explora Journeys
• Terminalgesellschaften
• Logistikunternehmen
• weitere Transportaktivitäten
Damit kontrolliert eine einzelne Familie aus Genf einen globalen Konzern mit einem Umsatz, der grösser ist als derjenige vieler bekannter börsenkotierter Schweizer Unternehmen.
Roche ist gleichzeitig Börsenkonzern und Familienunternehmen
Auf Platz zwei folgt eine Firma, die viele wahrscheinlich nicht spontan als Familienunternehmen bezeichnen würden: Roche. Im weltweiten Ranking liegt der Konzern mit einem verwendeten Umsatz von 67,23 Milliarden US-Dollar auf Platz 20.
Roche ist börsenkotiert. Millionen Aktien und Genussscheine werden von institutionellen und privaten Investoren gehalten. Trotzdem besitzen die Nachkommen der Gründerfamilie weiterhin eine aussergewöhnlich starke Stellung. Ende 2025 kontrollierte ein Aktionärspool rund um die Familien Hoffmann und Oeri 64,97 % der ausgegebenen stimmberechtigten Aktien. Der Pool besteht bereits seit 1948.
Das ist ein gutes Beispiel dafür, weshalb Eigentum und Kontrolle nicht dasselbe sind. Eine Familie muss nicht den gesamten wirtschaftlichen Wert eines börsenkotierten Unternehmens besitzen, um seine langfristige Ausrichtung entscheidend beeinflussen zu können. Bei Roche ist dieser Einfluss sogar seit Generationen vertraglich organisiert.
Das Unternehmen wurde 1896 von Fritz Hoffmann-La Roche gegründet. Mehr als 125 Jahre später besitzt die Gründerfamilie noch immer die Stimmenmehrheit.
Auch Kühne + Nagel und Richemont werden von Familien kontrolliert
Auf Platz drei der Schweizer Liste folgt Kühne + Nagel. Der Logistikkonzern erreicht im Family Business Index einen Umsatz von 26,53 Milliarden US-Dollar und damit weltweit Platz 62.
Auch Kühne + Nagel ist börsenkotiert. Trotzdem hielt die Kuehne Holding Ende 2025 55,4 % des Unternehmens. Sämtliche Stimmrechte der Holding werden direkt oder indirekt von Klaus-Michael Kühne gehalten. Weitere 4,7 % lagen bei der Kühne-Stiftung. Klaus-Michael Kühne ist der Enkel des Mitgründers August Kühne. Auch hier reicht die Familiengeschichte also über mehrere Generationen.
Noch ungewöhnlicher ist die Eigentümerstruktur von Richemont. Zum Luxuskonzern gehören Marken wie:
• Cartier
• IWC Schaffhausen
• Jaeger-LeCoultre
• Vacheron Constantin
• Montblanc
• Van Cleef & Arpels
Im Family Business Index liegt Richemont mit 22,36 Milliarden US-Dollar Umsatz auf Platz 81 weltweit.
Die Familie Rupert besitzt dabei nicht die Mehrheit des Kapitals. Über die nicht börsenkotierten B-Aktien kontrollierte die Compagnie Financière Rupert Ende März 2026 aber 50,60 % der Stimmrechte, obwohl ihr wirtschaftlicher Kapitalanteil nur rund 10 % betrug. Johann Rupert kontrolliert diese Gesellschaft.
Das zeigt besonders deutlich: Wer eine Firma kontrolliert, muss nicht zwingend die Mehrheit ihres Börsenwerts besitzen.
Die 19 grössten Schweizer Familienunternehmen im weltweiten Ranking
Der Family Business Index 2025 zählt insgesamt 19 Unternehmen mit Sitz in der Schweiz zu den 500 grössten Familienunternehmen der Welt. In Klammern jeweils der weltweite Rang und der im Index verwendete Umsatz.
1. MSC Group (Weltrang 14, 92,60 Mrd. USD)
2. Roche (Weltrang 20, 67,23 Mrd. USD)
3. Kühne + Nagel (Weltrang 62, 26,53 Mrd. USD)
4. Richemont (Weltrang 81, 22,36 Mrd. USD)
5. Tetra Laval (Weltrang 106, 17,16 Mrd. USD)
6. Emil Frey (Weltrang 113, 16,41 Mrd. USD)
7. Liebherr (Weltrang 124, 15,33 Mrd. USD)
8. Droege (Weltrang 144, 13,71 Mrd. USD)
9. Schindler (Weltrang 154, 12,79 Mrd. USD)
10. DKSH (Weltrang 159, 12,31 Mrd. USD)
11. DSM-Firmenich (Weltrang 169, 11,49 Mrd. USD)
12. Barry Callebaut (Weltrang 220, 9,16 Mrd. USD)
13. Swatch (Weltrang 232, 8,77 Mrd. USD)
14. AMAG (Weltrang 335, 6,01 Mrd. USD)
15. REHAU Automotive (Weltrang 390, 5,13 Mrd. USD)
16. Omya (Weltrang 425, 4,62 Mrd. USD)
17. Endress+Hauser (Weltrang 463, 4,02 Mrd. USD)
18. Stadler Rail (Weltrang 464, 4,01 Mrd. USD)
19. Bucher Industries (Weltrang 469, 3,98 Mrd. USD)
Dabei ist ein wichtiger Punkt zu beachten: Die Umsätze stammen nicht zwingend alle aus demselben Geschäftsjahr. Der Index verwendet veröffentlichte Finanzinformationen, die zum Erhebungszeitpunkt höchstens 24 Monate alt sein dürfen. Die Zahlen eignen sich deshalb für das internationale Ranking, sind aber nicht als einheitliche Umsatzliste für das Geschäftsjahr 2025 zu verstehen.
Gerade bei privaten Firmen sind aktuelle Umsatzzahlen zudem teilweise weniger detailliert öffentlich verfügbar als bei Börsenkonzernen.
Viele dieser Firmen kennt man, ohne sie als Familienunternehmen wahrzunehmen
Besonders interessant wird die Liste weiter unten.
Liebherr ist vollständig in Familienbesitz. Die Firmengruppe wird heute gemeinsam von Mitgliedern der zweiten und dritten Generation geführt. Selbst der Verwaltungsrat der Schweizer Dachgesellschaft Liebherr-International AG besteht ausschliesslich aus Familienmitgliedern. 2025 erwirtschaftete Liebherr nach eigenen Angaben 14,77 Milliarden Euro Umsatz und beschäftigte fast 56'000 Menschen.
Auch die Emil Frey Gruppe bezeichnet sich bis heute ausdrücklich als klassisches Familienunternehmen. 1924 eröffnete Emil Frey in Zürich seine erste Werkstatt. Daraus entstand eine der grössten Automobilhandelsgruppen Europas.
Bei Schindler wiederum kontrollieren die Familien Schindler und Bonnard trotz Börsenkotierung weiterhin die Stimmenmehrheit. Ende 2025 hielten sie zusammen mit verbundenen Parteien 68,6 % der Stimmrechte. 2025 setzte Schindler rund 10,95 Milliarden Franken um.
Auch Swatch, Stadler oder Endress+Hauser zeigen, dass Familienkontrolle keineswegs nur bei kleinen privaten Unternehmen vorkommt. Sie reicht in der Schweiz bis tief in die Industrie-, Pharma-, Luxus-, Logistik- und Konsumgüterwelt hinein.
Für ein kleines Land ist die Schweiz erstaunlich stark vertreten
Weltweit erfasst der Index 500 Unternehmen aus 43 Ländern beziehungsweise Jurisdiktionen. Zusammen erzielen sie rund 8,8 Billionen US-Dollar Umsatz und beschäftigen 25,1 Millionen Menschen. Fast die Hälfte der Unternehmen befindet sich in Europa.
Deutschland stellt mit 77 Unternehmen besonders viele Firmen. Die Schweiz kommt auf 19, Österreich auf 7. Für ein Land mit etwas mehr als neun Millionen Einwohnern ist das bemerkenswert.
Und vier Schweizer Unternehmen befinden sich sogar unter den hundert grössten Familienunternehmen der Welt: MSC, Roche, Kühne + Nagel und Richemont.
Dabei könnten die Unternehmen kaum unterschiedlicher sein: Containerschiffe, Medikamente, Logistik, Luxusuhren und Schmuck. Was sie verbindet, ist nicht ihre Branche. Es ist die Eigentümerstruktur.
Warum sind Familienunternehmen in der Schweiz so erfolgreich?
Darauf gibt es keine einzelne Erklärung. Die Universität St. Gallen und EY verweisen generell auf Eigenschaften, die viele grosse Familienunternehmen auszeichnen:
• langfristige Planung
• hohes Kostenbewusstsein
• vergleichsweise konservative Finanzierung
• starker Fokus darauf, das Unternehmen an die nächste Generation weiterzugeben
Das kann einen Unterschied zu Unternehmen machen, deren Führung stärker in Quartalen und kurzfristigen Managementzyklen denkt. Eine Familie kann Entscheidungen treffen, deren Nutzen möglicherweise erst in zehn oder zwanzig Jahren sichtbar wird.
Gleichzeitig besitzt dieses Modell natürlich auch Risiken. Nachfolge kann schwierig werden. Familienstreit kann die Unternehmensführung belasten. Und starke Kontrolle durch wenige Eigentümer bedeutet nicht automatisch bessere Entscheidungen.
Fazit
Unternehmen wie Roche, Schindler oder Liebherr zeigen etwas Bemerkenswertes: Familienkontrolle und ein globaler Milliardenkonzern schliessen sich nicht gegenseitig aus. Im Gegenteil. Einige der internationalsten und grössten Firmen mit Hauptsitz in der Schweiz werden noch immer entscheidend von einzelnen Familien geprägt.
Und an der Spitze steht ausgerechnet ein Unternehmen, das viele Menschen kaum als Schweizer Familienunternehmen wahrnehmen: MSC aus Genf gehört der Familie Aponte, ist nicht an der Börse und liegt im weltweiten Ranking der Familienunternehmen auf Platz 14.
Die kleine Werkstatt oder das Restaurant in Familienhand ist deshalb nur eine Seite des Begriffs. Die andere Seite besteht aus Containerschiffen, Pharmalaboren, Luxusmarken, Aufzügen und Milliardenumsätzen.