SchweizWissen erklärt, wie die Schweiz funktioniert — wirtschaftlich, politisch, gesellschaftlich.

Von den Alpen in die Megacity: Warum die Welt auf Schweizer Seilbahntechnik setzt

Von den Alpen in die Megacity: Warum die Welt auf Schweizer Seilbahntechnik setzt

1'500 Kabinen für La Paz, 460 für Mexiko-Stadt, eine Bahn über Varanasi. Wie aus Technik für Bergdörfer ein Verkehrsmittel für Millionenstädte wurde.

SchweizWissen Redaktion·2. September 2026·5 Min. Lesezeit

In der indischen Millionenstadt Varanasi entsteht eine 3,66 Kilometer lange Seilbahn mit rund 150 Kabinen. Sie soll bis zu 3'000 Menschen pro Richtung und Stunde über die verstopften Strassen transportieren. Gebaut wird sie von Bartholet aus Flums. Rund 75 Prozent des Auftragswerts entstehen in der Schweiz.

Auch in Mexiko-Stadt und La Paz (Bolivien) schweben Kabinen aus Olten über dem Verkehr. Aus einer Technik für abgelegene Alpentäler ist ein Verkehrssystem für Millionenstädte geworden.

Wie konnte ein kleines Alpenland zu einem wichtigen Zentrum der internationalen Seilbahntechnik werden?

Die Alpen schufen einen anspruchsvollen Heimmarkt

Ende 2024 waren in der Schweiz 2'389 bewilligte Seilbahn- und Skiliftanlagen in Betrieb. Dazu gehören unter anderem Gondelbahnen, Pendelbahnen, Standseilbahnen, Sessellifte, Schlepplifte und kleinere Anlagen.

Diese Zahl ist kein Beleg für den Exporterfolg der Schweizer Hersteller. Sie erklärt aber, weshalb hier so viel Fachwissen entstehen konnte.

Seilbahnen mussten in der Schweiz schon früh Aufgaben übernehmen, für die Strassen oder Eisenbahnen zu aufwendig waren: Bergdörfer erschliessen, Material transportieren, Skigebiete verbinden und grosse Höhenunterschiede auf engem Raum überwinden.

Dabei müssen die Anlagen bei Wind, Schnee, Eis und starken Temperaturschwankungen funktionieren. Hinzu kommen strenge Anforderungen an Sicherheit, Rettung, Raumplanung sowie Natur- und Landschaftsschutz. Der Schweizer Heimmarkt wurde dadurch zu einem anspruchsvollen Entwicklungsraum für Technologien, die sich später auch anderswo einsetzen liessen.

Was die Schweiz tatsächlich exportiert

Eine Seilbahn besteht nicht nur aus Gondeln und Seilen. Zu einer Anlage gehören Antriebe, Bremsen, Stützen, Klemmen, Steuerungen, Sensoren, Stationen, Notfallsysteme und Evakuationskonzepte. Ebenso wichtig sind Planung, Montage, Seilarbeiten, Wartung und die Anpassung an das jeweilige Gelände.

Genau in diesen spezialisierten Bereichen arbeiten mehrere Unternehmen an Schweizer Standorten.

Garaventa beschäftigt rund 380 Mitarbeitende in der Schweiz. Innerhalb der österreichischen Doppelmayr-Gruppe ist das Unternehmen das international tätige Kompetenzzentrum für Pendelbahnen, Standseilbahnen, Materialseilbahnen und komplexe Seilarbeiten.

CWA Constructions SA produziert in Olten die Kabinen für zahlreiche Anlagen der Gruppe. Das Unternehmen beschäftigt rund 150 Mitarbeitende und fertigt laut SRF jährlich ungefähr 2'000 Kabinen.

Bartholet hat seinen Hauptsitz in Flums und beschäftigt mehr als 300 Mitarbeitende. Das Unternehmen plant und baut komplette Anlagen für Bergregionen, touristische Destinationen und zunehmend auch für Städte.

Exportiert werden deshalb sowohl sichtbare Produkte wie Kabinen als auch weniger sichtbare Leistungen wie Ingenieurwissen, Steuerungstechnik, Spezialkonstruktionen und Projektplanung.

Von Varanasi bis Mexiko-Stadt

Wie gross dieser Export sein kann, zeigt das Projekt in Varanasi. Die rund 150 Kabinen sollen fünf Stationen verbinden und bis zu 40 Meter über den Gebäuden verkehren. Die Schweizerische Exportrisikoversicherung unterstützt das Projekt mit Versicherungen im Umfang von rund 27,5 Millionen Euro. Etwa drei Viertel des Auftragswerts gelten als Schweizer Wertschöpfung.

Noch grössere Stückzahlen liefert CWA nach Lateinamerika. Für eine neue, rund 15 Kilometer lange Seilbahnlinie im Grossraum Mexiko-Stadt sollen über 460 Kabinen in Olten hergestellt werden. Die Inbetriebnahme ist für 2028 vorgesehen.

In der bolivianischen Metropolregion La Paz und El Alto ist bereits ein Netz mit zehn Linien entstanden. CWA lieferte dafür rund 1'500 Kabinen. Das mehr als 30 Kilometer lange System transportiert täglich ungefähr 300'000 Menschen.

Diese Projekte zeigen konkreter als jede Imageaussage, weshalb Schweizer Standorte international relevant sind: Sie liefern Technik für Anlagen, die nicht nur Ausflügler bewegen, sondern jeden Tag Zehntausende Pendlerinnen und Pendler.

Warum Millionenstädte Seilbahnen bauen

Urbane Seilbahnen sind vor allem dort interessant, wo dicht bebaute Quartiere, Flüsse, steile Hänge oder chronisch überlastete Strassen den Ausbau des Verkehrs erschweren.

Zwischen den Stationen benötigen sie vergleichsweise wenig Fläche am Boden. Sie können Hindernisse direkt überqueren und lassen sich häufig schneller bauen als neue Bahnstrecken oder Metrolinien. Da die Kabinen kontinuierlich verkehren, entstehen zudem kurze Wartezeiten.

Trotzdem sind Seilbahnen keine Universallösung für den Stadtverkehr. Ihre Kapazität ist begrenzt, Stationen benötigen geeignete Flächen und die Streckenführung kann Fragen zu Stadtbild, Lärm und Privatsphäre auslösen. Auch die Schweizerische Exportrisikoversicherung hält fest, dass urbane Seilbahnen Verkehrsprobleme nicht allein lösen können.

Ihre Stärke liegt deshalb vor allem in der Ergänzung bestehender Bus-, Bahn- und Metronetze. Sie schaffen Verbindungen an Orten, an denen klassische Verkehrsmittel nur mit grossem Aufwand weiterkommen.

Wie schweizerisch ist die Technik wirklich?

Der Begriff "Schweizer Seilbahntechnik" braucht eine Einschränkung. Die wichtigsten Hersteller mit Standorten in der Schweiz sind heute Teil internationaler Konzerne. Garaventa und CWA gehören zur Doppelmayr-Gruppe mit Sitz in Österreich. Bartholet ist Teil der italienischen HTI-Gruppe, zu der auch die Seilbahnmarken Leitner und Poma gehören.

Eine im Ausland gebaute Anlage ist deshalb nicht automatisch vollständig schweizerisch. Teile können in mehreren Ländern entwickelt und produziert werden. Entscheidend ist, welche Leistungen tatsächlich aus der Schweiz stammen.

Bei Garaventa sind dies unter anderem die Entwicklung und Umsetzung von Spezialbahnen. Bei CWA ist es die Kabinenproduktion in Olten. Bartholet entwickelt und produziert weiterhin am Standort Flums. Das Projekt in Varanasi zeigt mit rund 75 Prozent Schweizer Wertschöpfung, wie bedeutend dieser Anteil bei einem konkreten Exportauftrag sein kann.

Schweizerisch bezeichnet in dieser Industrie somit weniger den Pass des Mutterkonzerns als den Ort, an dem Fachwissen, Entwicklung, Produktion und Arbeitsplätze entstehen.

Eine starke Nische, aber kein Selbstläufer

Der internationale Seilbahnmarkt wird von wenigen grossen Unternehmensgruppen aus dem Alpenraum geprägt. Zu den wichtigsten gehören die Doppelmayr/Garaventa-Gruppe und die HTI-Gruppe mit den Marken Leitner, Poma und Bartholet. Schweizer Standorte gewinnen internationale Aufträge deshalb nicht automatisch und meist auch nicht über den tiefsten Preis.

Ihre Stärke liegt dort, wo Erfahrung mit schwierigem Gelände, hohe Sicherheitsanforderungen und individuelle Lösungen gefragt sind. Gleichzeitig eröffnen urbane Mobilität, Ganzjahrestourismus und Materialtransporte neue Märkte ausserhalb klassischer Skigebiete.

Fazit

Die Schweiz exportiert nicht einfach ihre heimischen Seilbahnen in die Welt. Sie exportiert das Wissen, das durch den Bau und Betrieb solcher Anlagen entstanden ist.

Es ist dasselbe Muster wie bei Medikamenten, Präzisionsmaschinen oder Bauchemie: Nicht das Produkt selbst ist schwer zu kopieren, sondern die Erfahrung dahinter. Wer jahrzehntelang Anlagen bauen musste, die bei minus zwanzig Grad an einer Felswand funktionieren, kann auch eine Bahn über eine indische Millionenstadt planen.

Die Alpen waren das Übungsfeld. Heute wird dieselbe Technik gebraucht, um Menschen über die verstopften Strassen von Millionenstädten zu transportieren.

Quellen

[1] Bundesamt für Verkehr BAV: Die tragende Rolle der Seilbahnen; rund 2'400 Anlagen in der Schweiz sowie Aufsicht, Sicherheit und Umweltverträglichkeit. (bav.admin.ch)

[2] Seilbahnen Schweiz: Fakten und Zahlen 2025; Anlagenbestand von 2'389 bewilligten Seilbahn- und Skiliftanlagen Ende 2024 sowie Beschäftigung, Umsatz und Investitionen der Betreiberbranche. (seilbahnen.org)

[3] Schweizerische Exportrisikoversicherung SERV: Bartholet baut Indiens erste urbane Seilbahn in Varanasi; Streckenlänge von 3,66 Kilometern, rund 150 Kabinen, fünf Stationen, Kapazität von bis zu 3'000 Personen pro Richtung und Stunde, Versicherungen von rund 27,5 Millionen Euro und Schweizer Wertschöpfungsanteil von rund 75 Prozent. (serv-ch.com)

[4] Doppelmayr-Gruppe: Garaventa als Schweizer Kompetenzzentrum für Spezialbahnen; rund 380 Mitarbeitende an den Schweizer Standorten. (doppelmayr.com)

[5] SRF: Urbane Seilbahnen erobern Grossstädte mit Technik aus Olten; CWA Constructions mit rund 150 Mitarbeitenden und ungefähr 2'000 Kabinen pro Jahr, über 460 Kabinen für Mexiko-Stadt sowie rund 1'500 Kabinen für La Paz und El Alto. (srf.ch)

[6] SRF: Made in Switzerland, diese Seilbahn ist der Konkurrenz voraus; Geschichte, Innovationen und internationale Projekte von Garaventa. (srf.ch)

[7] Bartholet Ropeways AG: Unternehmensporträt; Hauptsitz in Flums, mehr als 300 Mitarbeitende und internationale Tätigkeitsfelder. (bartholet.swiss)

[8] LEITNER und HTI-Gruppe: Konzernstruktur und Einordnung von Bartholet innerhalb der HTI-Gruppe. (leitner.com)

Neue Artikel per Mail

Ein bis zwei Mal pro Monat eine kurze Übersicht der neuen Beiträge.
Keine Werbung, jederzeit abbestellbar.

Weitere Artikel

Passend zum Thema