370'000 Schutzräume. 9 Millionen Schutzplätze. Deckungsgrad über 100 Prozent. Kein anderes Land hat so konsequent Schutzinfrastruktur für die gesamte Bevölkerung gebaut - das steckt dahinter.
Die Schweiz besitzt etwas, das viele Länder in dieser Form nicht haben: Schutzräume für praktisch die gesamte Bevölkerung.
Oft spricht man im Alltag von "Bunkern". Offiziell heissen sie meistens Schutzräume. Und davon gibt es in der Schweiz extrem viele: Laut Bundesamt für Bevölkerungsschutz befinden sich in der Schweiz rund 370'000 private und öffentliche Schutzräume mit rund neun Millionen Schutzplätzen. Das entspricht einem Deckungsgrad von über 100 Prozent.
Das bedeutet: In der Schweiz soll im Ernstfall grundsätzlich jede Einwohnerin und jeder Einwohner einen Schutzplatz in der Nähe des Wohnorts haben.
Doch warum hat gerade die Schweiz so viele Schutzräume?
Die Antwort liegt in der Geschichte des Kalten Krieges, in der Schweizer Neutralität, im Zivilschutz, in der Baupflicht und in einem sehr schweizerischen Gedanken: Vorbereitung ist besser als Improvisation.
Die Idee: Jeder Mensch soll einen Schutzplatz haben
Der wichtigste Grundsatz lautet: Für jede Einwohnerin und jeden Einwohner soll ein Schutzplatz in Wohnortnähe vorhanden sein.
Diese Zielsetzung entstand in den 1960er-Jahren. Damals war Europa vom Kalten Krieg geprägt. Die Angst vor einem bewaffneten Konflikt, Luftangriffen oder sogar einem Atomkrieg war real. Die Schweiz wollte deshalb nicht erst im Ernstfall reagieren, sondern bereits vorher Schutzmöglichkeiten schaffen.
Das ist der Kern der Schweizer Bunkerpolitik: Nicht nur einzelne Regierungsgebäude oder Militäranlagen sollten geschützt sein, sondern die gesamte Bevölkerung.
Der Kalte Krieg machte Schutzräume zur nationalen Aufgabe
Nach dem Zweiten Weltkrieg veränderte sich die Sicherheitslage in Europa stark. Mit dem Kalten Krieg standen sich westliche Staaten und die Sowjetunion jahrzehntelang gegenüber. Atomwaffen, Raketen und moderne Luftangriffe wurden zu einer realen Bedrohung.
Für die Schweiz war klar: Auch ein neutrales Land kann von einem Krieg betroffen sein.
Neutralität bedeutete nicht, dass man automatisch sicher war. Die Schweiz lag mitten in Europa, umgeben von NATO- und Warschauer-Pakt-nahen Machtblöcken. Deshalb setzte sie stark auf Landesverteidigung, Milizsystem, Zivilschutz und Schutzinfrastruktur.
Die Schutzräume waren Teil eines grösseren Sicherheitsdenkens: Die Bevölkerung sollte nicht nur militärisch verteidigt werden, sondern auch im Alltag eine konkrete Schutzmöglichkeit haben.
Die Schweiz baute Schutzräume nicht nur öffentlich, sondern auch privat
In vielen Ländern gibt es vor allem öffentliche Schutzanlagen. In der Schweiz ist es anders: Ein grosser Teil der Schutzräume befindet sich in privaten Gebäuden.
Am bekanntesten ist der Schutzraum im Keller von Ein- oder Mehrfamilienhäusern. Ein solcher privater Schutzraum umfasst in der Regel Schutzplätze für 5 bis 50 Personen, je nach Grösse des Hauses. Viele Gemeinden verfügen zusätzlich über grössere öffentliche Schutzräume, zum Beispiel unter Schulhäusern oder Verwaltungsgebäuden.
Der Schutzraum wurde dadurch zu einem Teil der Schweizer Baukultur. In vielen Häusern gibt es Kellerräume mit dicken Türen, Lüftungssystemen und spezieller Ausstattung - auch wenn sie im Alltag oft als Lagerraum genutzt werden.
Die Baupflicht war entscheidend
Der grosse Unterschied zu vielen anderen Ländern ist die Schutzraumbaupflicht.
Wenn in einer Gemeinde zu wenige Schutzplätze vorhanden sind, müssen Hauseigentümerinnen und Hauseigentümer beim Bau von Wohnhäusern Schutzräume erstellen, ausrüsten und unterhalten. In der Regel betrifft das vor allem grössere Überbauungen, etwa ab 38 Zimmern beziehungsweise 25 Schutzplätzen.
Wer keinen Schutzraum baut, kann stattdessen Ersatzbeiträge leisten. Diese Gelder fliessen in Fonds, die für öffentliche Schutzräume oder den Werterhalt bestehender Schutzräume genutzt werden. 2025 entschied der Bundesrat, den Ersatzbeitrag pro Schutzplatz auf 1'400 Franken zu vereinheitlichen.
So entstand über Jahrzehnte ein System: Neue Gebäude schaffen neue Schutzplätze - oder finanzieren über Beiträge den Schutzbau an anderer Stelle.
Schutzräume sind keine normalen Keller
Ein Schutzraum ist nicht einfach ein Keller mit dicker Tür.
Schutzräume sind standardisiert und mit geprüften Komponenten gebaut. Sie verfügen über technische Einrichtungen wie Belüftung, Explosionsschutzventile, Filter, Überdrucksysteme und Notausgänge. Grössere Schutzräume haben zusätzlich Schleusen, damit beim Betreten oder Verlassen keine verunreinigte Aussenluft eindringt.
Zur Ausrüstung gehören in der Regel Liegestellen und Trockenklosetts. Eigentümerinnen und Eigentümer sind verpflichtet, Schutzräume zugänglich und instand zu halten. Die Behörden kontrollieren Schutzräume periodisch, mindestens alle zehn Jahre.
Die Schutzräume sind nicht als symbolische Räume gedacht. Sie sind Teil einer geplanten Schutzinfrastruktur.
Die Schutzräume sind vor allem für bewaffnete Konflikte gedacht
Schutzräume wurden primär für den Fall eines bewaffneten Konflikts gebaut. Sie sollen der Wirkung moderner Waffen standhalten - insbesondere Schutz gegen ABC-Kampfstoffe und Nahtreffer konventioneller Waffen bieten.
ABC bedeutet atomare, biologische und chemische Gefahren.
Gleichzeitig können Schutzräume auch bei Katastrophen und Notlagen als Notunterkünfte genutzt werden. Sie sind also nicht nur reine Kriegsinfrastruktur, sondern können in verschiedenen Krisensituationen eine Rolle spielen.
Der Schutzraum ist nicht dafür gedacht, dass Menschen dort monatelang leben. Schutzräume ermöglichen kürzere oder längere Aufenthalte - von wenigen Stunden bis zu mehreren Tagen. Die Bevölkerung sollte in der Lage sein, sich während mehrerer Tage ohne externe Unterstützung zu verpflegen.
Warum gerade die Schweiz so konsequent war
Die Schweiz hat Schutzräume besonders konsequent aufgebaut, weil mehrere Faktoren zusammenkamen.
Sie ist neutral, aber nicht isoliert. Sie liegt mitten in Europa und musste davon ausgehen, dass Konflikte in der Umgebung auch sie betreffen könnten.
Die Schweiz hat eine starke Tradition der Vorsorge. Notvorrat, Zivilschutz, Milizarmee, Dezentralisierung und lokale Verantwortung passen zu einem Land, das Krisen möglichst vorbereitet begegnen will.
Die direkte Demokratie und der Föderalismus führten dazu, dass Sicherheitsaufgaben breit abgestützt wurden. Bund, Kantone, Gemeinden, Gebäudeeigentümer und Bevölkerung sind alle Teil des Systems.
Die Schutzräume sind heute wieder aktueller geworden
Lange wirkten Schweizer Schutzräume für viele Menschen wie ein Relikt aus dem Kalten Krieg. Viele wurden als Lager, Weinkeller, Veloraum oder Hobbyraum genutzt.
Doch seit dem Krieg in der Ukraine ist das Thema wieder deutlich präsenter. Das BABS schreibt, dass nach Beginn des Krieges in der Ukraine das Interesse der Bevölkerung an Informationen über Schutzräume stark zugenommen hat.
Auch der Bundesrat reagierte auf die veränderte Sicherheitslage. Der Grundsatz "ein Schutzplatz pro Einwohnerin oder Einwohner" soll weiterhin gewährleistet werden.
Die Schutzräume sind nicht einfach Vergangenheit. Sie werden wieder als Teil moderner Krisenvorsorge betrachtet.
Nicht alles ist perfekt
Trotz Deckungsgrad von über 100 Prozent bedeutet das nicht, dass überall alles perfekt ist.
Es gibt kantonale Unterschiede und örtliche Lücken. Manche Regionen haben mehr Schutzplätze als nötig, andere weniger. Nicht alle Schutzräume sind gleich modern oder gleich gut erhalten.
Deshalb geht es heute weniger darum, möglichst viele neue Schutzräume zu bauen. Im Vordergrund stehen Werterhalt, Erneuerung und Unterhalt.
Der Bundesrat will bestehende Schutzbauten erhalten und prüfen, welche zusätzlichen Infrastrukturen sich zum Schutz eignen könnten - etwa für Pendlerinnen und Pendler, die sich im Ernstfall nicht in der Nähe ihres Wohnorts befinden.
Warum Schutzräume typisch Schweiz sind
Die vielen Schutzräume zeigen etwas Grundsätzliches über die Schweiz.
Die Schweiz denkt Sicherheit oft dezentral. Nicht nur der Staat in Bern soll im Ernstfall funktionieren, sondern auch Kantone, Gemeinden, Haushalte und lokale Organisationen.
Deshalb gibt es nicht einfach einen grossen Bunker für wenige Menschen, sondern Hunderttausende Schutzräume im ganzen Land. Das passt zur Schweizer Logik: verteilt, föderal, vorbereitet und möglichst nah bei der Bevölkerung.
Die Schutzräume sind damit nicht nur Betonräume unter Häusern. Sie sind Ausdruck einer politischen Kultur, die Krisenvorsorge ernst nimmt.
Fazit
Die Schweiz besitzt so viele Bunker, weil sie seit den 1960er-Jahren das Ziel verfolgt, für jede Einwohnerin und jeden Einwohner einen Schutzplatz in Wohnortnähe bereitzustellen.
Ausgelöst wurde dieses Denken vor allem durch den Kalten Krieg. Entscheidend war aber die Schweizer Lösung: Schutzräume wurden nicht nur öffentlich gebaut, sondern auch in private Gebäude integriert. Durch Baupflicht, Ersatzbeiträge, Unterhalt und Kontrollen entstand über Jahrzehnte ein Netz aus rund 370'000 Schutzräumen mit rund neun Millionen Schutzplätzen.
Heute wirken viele dieser Räume im Alltag unspektakulär. Oft sind sie Keller, Lagerräume oder Nebenräume. Im Ernstfall aber sind sie Teil eines der umfassendsten Bevölkerungsschutzsysteme der Welt.
Einfach gesagt: Die Schweiz hat so viele Bunker, weil sie Sicherheit nicht dem Zufall überlassen wollte.
Quellen
Bundesamt für Bevölkerungsschutz BABS: Informationen rund um die Schutzräume; Zielsetzung aus den 1960er-Jahren, rund 370'000 Schutzräume und neun Millionen Schutzplätze mit Deckungsgrad über 100 Prozent.
Bundesamt für Bevölkerungsschutz BABS: Schutzräume für die Bevölkerung; Aufbau, Grössen, Ausrüstung, Bezugsbereitschaft, Zuweisung, Unterhalt und FAQ zu Schutzräumen.
Bundesamt für Bevölkerungsschutz BABS: Schutzraumbaupflicht bei grösseren Überbauungen ab 38 Zimmern beziehungsweise 25 Schutzplätzen.
Bundesamt für Bevölkerungsschutz BABS: Änderungen in der Zivilschutzverordnung; Ersatzbeitrag von 1'400 Franken pro Schutzplatz, Dachstrategie Schutzbauten.
Bundesamt für Bevölkerungsschutz BABS: Schutzbauten; Zweck bei bewaffneten Konflikten, Katastrophen und Notlagen, Schutz gegen ABC-Kampfstoffe.