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Warum Schweizer Kernkraftwerke länger laufen als die meisten der Welt

Warum Schweizer Kernkraftwerke länger laufen als die meisten der Welt

Beznau läuft seit 1969. Kein fixes Enddatum, kein automatischer Ausstieg. Die Schweiz schaltet Kernkraftwerke nicht nach Alter ab, sondern nach Sicherheitsprüfung.

SchweizWissen Redaktion·29. August 2026·14 Min. Lesezeit

Die Schweiz steigt eigentlich aus der Kernenergie aus.

Zumindest war das lange die politische Richtung nach Fukushima: Keine neuen Kernkraftwerke mehr, bestehende Anlagen weiterbetreiben, solange sie sicher sind - und danach Schritt für Schritt ersetzen.

Doch genau dieser Satz ist entscheidend: solange sie sicher sind.

Denn die Schweiz hat für ihre Kernkraftwerke kein fixes Ablaufdatum. Anders als in manchen Ländern gibt es keine gesetzliche Regel, nach der ein AKW automatisch nach 40, 50 oder 60 Jahren abgeschaltet werden muss.

Stattdessen gilt: Ein Schweizer Kernkraftwerk darf weiterlaufen, solange die Aufsichtsbehörde ENSI den sicheren Betrieb akzeptiert.

Das ist der Hauptgrund, warum Schweizer Kernkraftwerke so lange laufen können. Und es erklärt, warum Beznau im Kanton Aargau zu den ältesten noch betriebenen Kernkraftwerken der Welt gehört.

Die Schweiz hat alte Kernkraftwerke

Die Schweiz betreibt heute vier Reaktoren an drei Standorten: Beznau 1 und 2, Gösgen und Leibstadt. Mühleberg wurde 2019 endgültig abgeschaltet und befindet sich im Rückbau.

Beznau 1 nahm 1969 den kommerziellen Betrieb auf. Beznau 2 folgte 1971. Damit gehören die beiden Reaktoren zu den ältesten kommerziell betriebenen Kernreaktoren der Welt.

Gösgen ging 1979 ans Netz, Leibstadt 1984.

Die Schweizer Kernkraftwerke stammen alle aus einer Zeit, in der Europa noch ganz anders über Energie dachte. Ölkrisen, Wachstum, Industrialisierung und Versorgungssicherheit prägten die Debatte. Kernenergie galt als moderne, leistungsfähige und relativ unabhängige Stromquelle.

Heute ist die Debatte viel komplizierter.

In der Schweiz gibt es kein fixes Enddatum

Der wichtigste Unterschied zu vielen anderen Ländern ist die Schweizer Rechtslogik.

Die bestehenden Kernkraftwerke dürfen laut Bundesamt für Energie weiterbetrieben werden, solange sie sicher sind. Zuständig für diese Beurteilung ist das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat ENSI.

Das bedeutet: Nicht das Alter allein entscheidet. Entscheidend ist der Sicherheitszustand.

Ein Kernkraftwerk wird also nicht automatisch abgeschaltet, nur weil es 40 Jahre alt wird. Es muss aber laufend nachweisen, dass es sicher betrieben werden kann.

Die Schweiz verfolgt damit eine sicherheitsbasierte Logik: Solange Anforderungen erfüllt werden, kann ein AKW weiterlaufen. Wenn die Sicherheit nicht mehr gewährleistet ist, muss es nachgerüstet, eingeschränkt oder abgeschaltet werden.

Warum diese Regel so wichtig ist

Ein AKW besteht aus vielen Komponenten. Manche Teile können ersetzt werden: Pumpen, Ventile, Steuerungen, Generatoren, Kabel, Leittechnik, Sicherheitssysteme oder Kühlsysteme.

Andere Teile sind schwieriger oder praktisch nicht ersetzbar - zum Beispiel grosse Beton- und Stahlstrukturen oder der Reaktordruckbehälter.

Deshalb geht es bei alten Kernkraftwerken vor allem um Alterungsmanagement.

Die Betreiber müssen zeigen, dass zentrale Bauteile weiterhin sicher funktionieren. Die Aufsicht prüft, ob Materialien altern, ob Systeme modernisiert wurden und ob die Anlage auch unter heutigen Anforderungen robust genug ist.

Lange Laufzeit bedeutet also nicht: Man lässt ein altes Kraftwerk einfach unverändert weiterlaufen. Es bedeutet: Man investiert laufend in Prüfung, Überwachung, Nachrüstung und Sicherheitsnachweise.

Das ENSI prüft laufend

Das ENSI ist die Schweizer Aufsichtsbehörde für nukleare Sicherheit.

Es überwacht die Kernkraftwerke, prüft Sicherheitsnachweise, verlangt Nachrüstungen und beurteilt, ob die Voraussetzungen für den Weiterbetrieb erfüllt sind.

Schon früh verlangte die Schweizer Aufsicht von den Betreibern Alterungsüberwachungsprogramme - laut ENSI bereits ab 1991.

Das ist wichtig, weil die Schweiz sehr früh akzeptierte, dass Kernkraftwerke länger betrieben werden könnten als ursprünglich erwartet - aber nur mit systematischer Überwachung.

Beznau zeigt das Prinzip besonders deutlich

Beznau ist das bekannteste Beispiel.

Die Anlage ist alt. Sehr alt. Aber sie wurde über Jahrzehnte immer wieder nachgerüstet.

Der Betreiber Axpo kündigte 2024 an, weitere rund 350 Millionen Franken zu investieren, damit Beznau bis 2033 weiterbetrieben werden kann. Beznau 1 soll bis 2033 laufen, Beznau 2 bis 2032. Das wäre eine Betriebsdauer von mehr als 60 Jahren.

Das ist aussergewöhnlich. Aber es zeigt die Schweizer Strategie: Statt alte Kernkraftwerke automatisch nach einem bestimmten Datum abzuschalten, werden sie technisch geprüft, modernisiert und so lange betrieben, wie die Aufsicht es zulässt.

Warum die Schweiz ihre alten AKW braucht

Der wichtigste praktische Grund ist Stromversorgung.

Je nach Jahr stammt rund ein Drittel der Schweizer Stromproduktion aus Kernenergie. Besonders wichtig ist dabei der Winter.

Im Sommer produziert die Schweiz viel Strom aus Wasserkraft und Solarenergie. Im Winter ist die Lage schwieriger: weniger Solarproduktion, mehr Verbrauch, weniger Wasserzufluss.

Kernkraftwerke liefern relativ konstant Strom - unabhängig von Wetter und Tageszeit. Sie produzieren sogenannte Bandenergie: grosse Mengen Strom rund um die Uhr.

Wenn man alte Kernkraftwerke zu früh abschaltet, muss diese Strommenge ersetzt werden - durch mehr Wasserkraft, Solar, Wind, Speicher, Effizienz oder Importe.

Die Schweiz hat den Atomausstieg beschlossen - aber langsam

Nach Fukushima 2011 beschloss die Schweiz, aus der Kernenergie auszusteigen. In der Energiestrategie 2050 wurde festgelegt, dass keine neuen Kernkraftwerke mehr bewilligt werden sollen. 2017 stimmte die Bevölkerung zu.

Wichtig ist aber: Die Schweiz beschloss keinen sofortigen Ausstieg mit fixen Abschaltdaten.

Bestehende AKW dürfen weiterlaufen, solange sie sicher sind. Das unterscheidet die Schweiz etwa von Deutschland, wo politische Abschaltdaten festgelegt wurden.

Der Schweizer Atomausstieg ist ein Ausstieg ohne fixes Enddatum für die bestehenden Kraftwerke.

Neue Kernkraftwerke wären sehr langsam

Selbst wenn die Politik den Bau neuer Anlagen wieder ermöglichen würde, wären Planung, Bewilligungsverfahren, Finanzierung, Volksabstimmungen und Bauzeit extrem lang.

Experten sprachen von Zeithorizonten bis in die 2040er oder sogar später.

Die Schweiz kann nicht einfach sagen: Wir ersetzen Beznau oder Gösgen schnell durch neue Reaktoren. Deshalb wird die Laufzeit der bestehenden Anlagen energiepolitisch so wichtig.

Alte AKW sind oft günstiger als neue

Ein bestehendes Kernkraftwerk ist bereits gebaut. Die grossen Baukosten sind historisch bezahlt. Wenn die Anlage sicher weiterbetrieben werden kann, ist zusätzlicher Betrieb oft günstiger als ein kompletter Neubau.

Neue Kernkraftwerke sind dagegen extrem teuer, komplex und oft von Verzögerungen betroffen. Projekte wie Flamanville in Frankreich oder Olkiluoto in Finnland zeigen, wie langwierig Neubauten werden können.

Aber diese Rechnung gilt nur, solange Nachrüstungen, Sicherheit, Personal, Brennstoff, Entsorgung und politische Risiken tragbar bleiben.

Schweizer Kernkraftwerke wurden laufend nachgerüstet

Lange Laufzeiten sind nur möglich, wenn Anlagen immer wieder modernisiert werden.

Nach Unfällen wie Three Mile Island, Tschernobyl und Fukushima wurden Sicherheitsanforderungen weltweit verschärft. Auch Schweizer Anlagen mussten nachrüsten: zusätzliche Notstromsysteme, bessere Kühlung, Erdbeben- und Hochwasserschutz, neue Leittechnik, verbesserte Notfallkonzepte.

Ein Kernkraftwerk von 1969 ist heute nicht einfach im technischen Zustand von 1969. Viele Systeme wurden ersetzt oder ergänzt.

Die kritische Seite: Alter bleibt ein Risiko

Befürworter langer Laufzeiten sagen: Entscheidend ist Sicherheit, nicht Alter.

Kritiker sagen: Alter ist selbst ein Risikofaktor. Bei sehr alten Anlagen steigen die Unsicherheiten. Materialien ermüden. Ersatzteile können schwieriger verfügbar sein. Manche Bauteile lassen sich nicht einfach austauschen.

Besonders sensibel ist der Reaktordruckbehälter - eines der zentralsten Bauteile und nicht einfach ersetzbar.

2015 wurden Unregelmässigkeiten im Reaktordruckbehälter von Beznau 1 diskutiert. Der Reaktor blieb lange ausser Betrieb, während Untersuchungen liefen. Später erlaubte ENSI die Wiederinbetriebnahme.

Langzeitbetrieb ist möglich - aber nicht banal.

Warum die Schweiz anders handelt als Deutschland

Deutschland hat nach Fukushima den Atomausstieg beschleunigt und die letzten Kernkraftwerke 2023 abgeschaltet.

Die Schweiz hat anders entschieden: keine neuen Bewilligungen, aber bestehende Anlagen weiterlaufen lassen.

Das passt zur Schweizer Politik. Die Schweiz entscheidet oft weniger radikal und stärker schrittweise. Statt schneller Systemwechsel setzt sie auf Kontrolle, Kompromiss und technische Prüfung.

Bei der Kernenergie sieht man diese Schweizer Logik besonders deutlich.

Die Debatte wird wieder offener

Die Kernkraftdebatte hat sich in den letzten Jahren verändert.

Nach Fukushima war der politische Trend klar gegen neue AKW. Doch Energiekrise, Ukrainekrieg, steigende Stromnachfrage, Klimaziele und Winterstromproblem haben die Debatte neu geöffnet.

2024 kündigte der Bundesrat an, das Neubauverbot für Kernkraftwerke wieder aufheben zu wollen. Das bedeutet nicht, dass morgen ein neues AKW gebaut wird. Aber es zeigt, dass Kernenergie politisch wieder diskutiert wird.

Kurz- und mittelfristig bleibt die Frage: Wie lange laufen die bestehenden Kernkraftwerke?

Fazit

Schweizer Kernkraftwerke laufen so lange, weil die Schweiz kein fixes Ablaufdatum für bestehende Anlagen kennt.

Ein AKW wird nicht automatisch nach 40 oder 50 Jahren abgeschaltet. Es darf weiterlaufen, solange das ENSI den sicheren Betrieb akzeptiert.

Diese Regel macht Beznau zu einem der ältesten noch betriebenen Kernkraftwerke der Welt und erlaubt auch Gösgen und Leibstadt lange Laufzeiten.

Dahinter steht eine sehr schweizerische Logik: nicht abrupt aussteigen, sondern prüfen, nachrüsten, kontrollieren und Schritt für Schritt entscheiden.

Das hat Vorteile: Versorgungssicherheit, stabile Stromproduktion und CO₂-armer Strom. Aber es hat auch Risiken: alte Anlagen, Materialalterung, hohe Nachrüstungskosten und radioaktiver Abfall.

Einfach gesagt: Schweizer Kernkraftwerke laufen länger als viele andere, weil in der Schweiz nicht das Alter allein zählt - sondern die Frage, ob sie noch als sicher gelten.

Quellen

Bundesamt für Energie BFE: Bestehende Anlagen dürfen weiterbetrieben werden, solange sie sicher sind; ENSI entscheidet über sichere Betriebsführung. (bfe.admin.ch)

ENSI: Long-term Operation; Beznau 1 seit 1969, Beznau 2 seit 1971; Alterungsüberwachungsprogramme seit 1991. (ensi.admin.ch)

World Nuclear Association: Vier operable Reaktoren; Politik des schrittweisen Ausstiegs bei Weiterbetrieb bestehender Anlagen. (world-nuclear.org)

World Nuclear News: Axpo investiert rund 350 Millionen Franken für Beznau-Weiterbetrieb bis 2033 bzw. 2032. (world-nuclear-news.org)

Reuters: Neue Schweizer Kernkraftwerke frühestens nach Jahrzehnten realistisch. (reuters.com)

Reuters: Bundesrat 2024 mit Plänen zur Aufhebung des Neubauverbots. (reuters.com)

ENSI: Aufsichtsbericht 2025; Beznau und Leibstadt mit gutem Sicherheitsstatus. (ensi.admin.ch)

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