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Warum Schweizer Söldner einst in ganz Europa gefragt waren

Warum Schweizer Söldner einst in ganz Europa gefragt waren

Bevor die Schweiz für Neutralität stand, war sie berühmt für ihre Soldaten. Wie aus militärischem Erfolg ein jahrhundertelanges Geschäftsmodell wurde.

SchweizWissen Redaktion·4. August 2026·8 Min. Lesezeit

Heute verbindet man die Schweiz mit Neutralität, Diplomatie und Friedenspolitik. Vor rund 500 Jahren sah das völlig anders aus.

Damals gehörten Männer aus der Eidgenossenschaft zu den begehrtesten Soldaten Europas. Sie kämpften für französische Könige, italienische Fürsten, den Papst und andere europäische Mächte. Die sogenannten Reisläufer hatten einen Ruf, der weit über die Grenzen der Eidgenossenschaft hinausreichte.

Doch weshalb wollten Europas Herrscher ausgerechnet Schweizer auf ihren Schlachtfeldern?

Die Antwort beginnt mit einer Reihe militärischer Erfolge, mit denen kaum jemand gerechnet hatte.

Wie die Eidgenossen ihren militärischen Ruf aufbauten

Schon lange vor den berühmten Burgunderkriegen hatten sich die Eidgenossen in Auseinandersetzungen mit den Habsburgern behauptet. Ein wichtiger Moment war die Schlacht bei Sempach 1386. Dort besiegten eidgenössische Truppen ein habsburgisches Heer unter Herzog Leopold III., der in der Schlacht ums Leben kam.

Solche Siege stärkten nicht nur die Position der Eidgenossenschaft. Sie begründeten zunehmend ihren Ruf als ernst zu nehmende militärische Macht.

Dabei kämpften die Eidgenossen anders als viele klassische Ritterheere. Ihre Stärke lag vor allem in der Infanterie. In dicht geschlossenen Verbänden kämpften Männer mit Langspiessen, Piken und Hellebarden und konnten damit auch schwer gerüsteten Gegnern gefährlich werden.

Entscheidend waren dabei nicht einzelne heldenhafte Kämpfer, sondern Formation, Disziplin und gemeinsames Vorgehen.

Doch der Moment, der den militärischen Ruf der Eidgenossen endgültig durch Europa tragen sollte, kam erst später.

Der Krieg, der die Schweizer in Europa berühmt machte

In den Burgunderkriegen von 1474 bis 1477 trafen die Eidgenossen auf einen der mächtigsten Fürsten Europas: Karl den Kühnen, Herzog von Burgund. Karl verfügte über eine hochentwickelte Streitmacht mit Kavallerie, Infanterie und moderner Artillerie.

Trotzdem erlitt er gegen die Eidgenossen eine Reihe verheerender Niederlagen.

Bei Grandson 1476 wurde sein Heer geschlagen. Nur wenige Monate später folgte bei Murten die nächste Katastrophe. Schätzungsweise 10'000 burgundische Soldaten kamen dort ums Leben, während die Verluste auf eidgenössischer Seite deutlich geringer waren. 1477 wurde Karls Macht bei Nancy endgültig gebrochen. Karl selbst fiel in der Schlacht.

Spätestens jetzt wusste Europa: Diese Männer aus der Eidgenossenschaft waren auf dem Schlachtfeld ein Faktor, den man nicht ignorieren konnte.

Als den Eidgenossen der Schatz eines Herzogs in die Hände fiel

Besonders spektakulär war, was nach der Schlacht bei Grandson geschah.

Karl der Kühne hatte einen prachtvollen Hofstaat und grosse Mengen wertvoller Gegenstände mitgeführt. Nach seiner Flucht fiel den Eidgenossen eine enorme Beute in die Hände. Darunter befanden sich Silberwaren, Schmuck, kostbare Stoffe, religiöse Gegenstände und Hunderte Artilleriegeschütze.

Die sogenannte Burgunderbeute war so umfangreich, dass es unter den siegreichen Soldaten sogar Streit über ihre Verteilung gab. Ein grosser Teil der kostbaren Gegenstände wurde später eingeschmolzen oder zerlegt. Einige Stücke existieren jedoch bis heute und befinden sich unter anderem in Schweizer Museen.

Die Siege über Karl den Kühnen brachten den Eidgenossen damit nicht nur Reichtum. Sie machten ihren militärischen Ruf in Europa endgültig bekannt.

Wer sie nicht besiegen konnte, heuerte sie an

Nach den Erfolgen gegen Burgund wurden Schweizer Kämpfer für ausländische Herrscher besonders interessant. Die Logik war einfach: Wer diese Soldaten nicht als Gegner haben wollte, versuchte sie für sich kämpfen zu lassen.

Frankreich, der Papst und andere europäische Mächte warben Schweizer Truppen an. Das Schweizerische Nationalmuseum beschreibt, wie Schweizer Söldner spätestens nach den Siegen über Karl den Kühnen zu einem wichtigen Exportgut wurden.

Europa befand sich gleichzeitig in einer Phase tiefgreifender militärischer Veränderungen. Viele Herrscher verfügten noch nicht über die riesigen permanenten Armeen späterer Jahrhunderte. Für einen Krieg mussten innerhalb relativ kurzer Zeit kampffähige Truppen mobilisiert oder angeworben werden.

Erfahrene Schweizer Infanteristen waren dafür äusserst attraktiv.

Für viele Schweizer wurde Krieg zum Beruf

Doch weshalb gingen überhaupt so viele Männer freiwillig in fremde Dienste?

Ein entscheidender Grund war Geld. Die damalige Eidgenossenschaft war nicht das wohlhabende Land, das wir heute kennen. Viele Menschen lebten von Landwirtschaft und Handwerk, und die wirtschaftlichen Möglichkeiten waren begrenzt. Der Solddienst versprach Einkommen, Beute und teilweise sozialen Aufstieg.

Natürlich war das Risiko enorm. Verwundungen, Krankheiten, Gefangenschaft, ausbleibender Sold oder der Tod gehörten zum Geschäft.

Trotzdem entschieden sich über Jahrhunderte immer wieder Schweizer Männer für den Dienst in fremden Armeen. Aus militärischem Erfolg entwickelte sich dadurch zunehmend ein Geschäftsmodell.

Marignano zeigte die Grenzen der Schweizer Infanterie

Die Schweizer Infanterie war gefürchtet. Unbesiegbar war sie nicht.

Das zeigte sich besonders 1515 bei Marignano südöstlich von Mailand. Dort trafen eidgenössische Truppen auf die Armee des französischen Königs Franz I. Nach schweren Kämpfen mussten sich die Eidgenossen zurückziehen.

Die Schlacht wird bis heute gern als Wendepunkt dargestellt, nach dem sich die Schweiz für die Neutralität entschieden habe. So einfach war es nicht. Schweizer Soldaten kämpften auch danach weiter in fremden Diensten - und zwar deutlich länger, als es diese Erzählung vermuten lässt.

Aber die europäische Kriegsführung veränderte sich zunehmend. Artillerie und Feuerwaffen gewannen an Bedeutung, während andere Armeen die erfolgreichen Infanterietaktiken der Schweizer übernahmen und weiterentwickelten. Der militärische Vorsprung der Eidgenossen wurde kleiner.

Ihre Soldaten blieben trotzdem begehrt.

Frankreich wurde zum wichtigsten Abnehmer

Ein Jahr nach Marignano, 1516, schlossen Frankreich und die Eidgenossen den sogenannten Ewigen Frieden. Das bedeutete allerdings keineswegs das Ende der Schweizer Söldner. Im Gegenteil: Aus dem ehemaligen Gegner wurde einer der wichtigsten Abnehmer eidgenössischer Soldtruppen.

Die Beziehungen wurden zunehmend institutionalisiert. Eidgenössische Orte schlossen mit ausländischen Mächten sogenannte Kapitulationen ab. Darin wurde geregelt, unter welchen Bedingungen Truppen angeworben, bezahlt und eingesetzt werden konnten.

Damit wurde aus dem Geschäft einzelner Männer ein politisch organisiertes System.

Auch Schweizer Eliten verdienten mit

Nicht nur die Soldaten selbst profitierten vom Geschäft. Ausländische Herrscher zahlten Geld und sogenannte Pensionen, um sich Zugang zu Schweizer Truppen und politischen Einfluss innerhalb der Eidgenossenschaft zu sichern. Davon profitierten insbesondere einflussreiche Familien und politische Entscheidungsträger.

Das machte das System zunehmend umstritten. Denn damit stellte sich eine unangenehme Frage: Dienten die fremden Kriegsdienste wirklich der Eidgenossenschaft - oder vor allem jenen, die daran verdienten?

Das Geschäft mit Soldaten war deshalb weit mehr als eine militärische Angelegenheit. Es war gleichzeitig Wirtschaft und Aussenpolitik.

Zwingli wurde zu einem der schärfsten Gegner

Einer der bekanntesten Kritiker war Huldrych Zwingli. Der spätere Reformator hatte Schweizer Soldaten selbst als Feldprediger auf Kriegszügen begleitet. Die Erfahrungen prägten ihn.

Zwingli entwickelte sich zu einem entschiedenen Gegner des fremden Solddienstes und insbesondere der ausländischen Geldzahlungen an Schweizer Entscheidungsträger.

Seine Kritik zeigt, wie umstritten das Geschäft bereits innerhalb der Eidgenossenschaft geworden war. Doch verschwinden sollte es noch lange nicht.

189 Schweizer verteidigen den Papst

Wie weit der Ruf der Schweizer Soldaten reichte, zeigt eine Institution, die bis heute existiert.

Die Päpstliche Schweizergarde wurde Anfang des 16. Jahrhunderts gegründet. 1506 trafen die ersten Schweizer Gardisten in Rom ein. Ihre berühmteste Bewährungsprobe folgte am 6. Mai 1527: Beim sogenannten Sacco di Roma stürmten Truppen Kaiser Karls V. Rom.

Im Vatikan stellten sich ihnen 189 Schweizergardisten entgegen. 147 von ihnen kamen ums Leben.

42 Gardisten konnten sich zurückziehen und halfen dabei, Papst Clemens VII. über den Passetto - einen befestigten Verbindungsgang - in Richtung Engelsburg in Sicherheit zu bringen.

Der 6. Mai besitzt deshalb für die Schweizergarde bis heute eine besondere Bedeutung. Noch heute findet an diesem Datum traditionell die Vereidigung neuer Gardisten statt.

Die Schweizergarde ist damit nicht einfach eine touristische Tradition in bunten Uniformen. Sie ist ein direktes Überbleibsel jener Epoche, in der Schweizer Soldaten an europäischen Höfen besonders gefragt waren.

Warum mitten in Luzern ein sterbender Löwe liegt

Ein weiteres sichtbares Überbleibsel dieser Geschichte befindet sich mitten in der Schweiz.

Das berühmte Löwendenkmal in Luzern erinnert an Schweizer Gardisten, die während der Französischen Revolution für den französischen König Ludwig XVI. dienten. Am 10. August 1792 stürmten Revolutionäre den Tuilerienpalast in Paris. Die dort eingesetzten Schweizer Gardisten gerieten mitten in die Kämpfe. Hunderte kamen während des Angriffs und in dessen Folge ums Leben.

Zur Erinnerung an die getöteten Schweizer wurde Jahrzehnte später in Luzern ein sterbender Löwe in eine Felswand gemeisselt. Das Denkmal gehört heute zu den bekanntesten Sehenswürdigkeiten der Stadt.

Doch seine Geschichte führt direkt zurück zum Schweizer Söldnerwesen. Der sterbende Löwe erinnert an eine Zeit, in der Schweizer Männer ihr Leben für ausländische Monarchen riskierten.

Wie die fremden Kriegsdienste verschwanden

Im 19. Jahrhundert veränderte sich die Schweiz grundlegend. 1848 entstand der moderne Bundesstaat. Gleichzeitig passte das jahrhundertealte Geschäft mit fremden Militärdiensten immer weniger zu einem Staat, dessen Aussenpolitik sich zunehmend an der Neutralität orientierte.

1859 erliess der Bund ein Gesetz, das den Eintritt in bestimmte fremde Truppen und die Anwerbung dafür untersagte.

Wir erinnern uns: Marignano wird bis heute gern als der Moment erzählt, in dem sich die Schweiz für die Neutralität entschied. Zwischen dieser Schlacht und dem tatsächlichen Verbot der fremden Dienste liegen 344 Jahre. Die Neutralität war kein Entschluss nach einer verlorenen Schlacht. Sie war das Ergebnis eines langen politischen Prozesses.

Damit verschwand eine Tradition, die die Geschichte der Eidgenossenschaft über Jahrhunderte geprägt hatte, zunehmend aus dem Schweizer Alltag. Eine berühmte Ausnahme blieb bestehen: die Päpstliche Schweizergarde.

Schlusswort

Die Geschichte wirkt aus heutiger Sicht beinahe paradox. Ausgerechnet ein Land, das international wie kaum ein anderes mit Neutralität verbunden wird, war einst berühmt für seine Soldaten in fremden Diensten.

Doch der Erfolg der Schweizer Reisläufer entstand nicht zufällig. Militärische Siege hatten der eidgenössischen Infanterie einen aussergewöhnlichen Ruf verschafft, ihre Kampfformationen waren zeitweise äusserst erfolgreich. Europäische Herrscher brauchten erfahrene Truppen. Viele Schweizer Männer wiederum suchten Einkommen und neue Möglichkeiten. Und politische Eliten erkannten, dass sich mit dem Zugang zu diesen Soldaten Geld und Einfluss gewinnen liessen.

So entstand ein Geschäft, das die Eidgenossenschaft über Jahrhunderte mit den grossen Mächten Europas verband.

Heute erinnern nur noch wenige Dinge sichtbar an diese Vergangenheit: die Schweizergarde im Vatikan, das Löwendenkmal in Luzern, Museumsstücke aus der Burgunderbeute.

Sie erzählen von einer Schweiz, die mit dem heutigen Bild des Landes auf den ersten Blick kaum zusammenpasst.

Bevor die Schweiz für Neutralität bekannt wurde, waren es ihre Soldaten, die ihren Namen durch Europa trugen.

Quellen

[1] Historisches Lexikon der Schweiz (HLS): Fremde Dienste; Reisläufer und das eidgenössische Söldnerwesen, Entwicklung, Kapitulationen und Pensionenwesen. (hls-dhs-dss.ch)

[2] Historisches Lexikon der Schweiz (HLS): Burgunderkriege; Verlauf 1474 bis 1477, Schlachten bei Grandson, Murten und Nancy sowie militärische Entwicklung der Eidgenossenschaft. (hls-dhs-dss.ch)

[3] Schweizerisches Nationalmuseum: Die Schlacht bei Grandson und die Burgunderbeute; Umfang der Beute, Verteilungsstreit und heutiger Verbleib einzelner Stücke. (nationalmuseum.ch)

[4] Schweizerisches Nationalmuseum: Die Schlacht bei Murten 1476; Verlauf und Verluste auf burgundischer und eidgenössischer Seite. (nationalmuseum.ch)

[5] Schweizerisches Nationalmuseum: Schweizer Söldner in fremden Diensten; Entwicklung des Solddienstes nach den Siegen über Karl den Kühnen. (nationalmuseum.ch)

[6] Päpstliche Schweizergarde: Geschichte der Garde; Ankunft der ersten Gardisten 1506, Sacco di Roma vom 6. Mai 1527 mit 189 Gardisten und 147 Gefallenen sowie die Vereidigung am 6. Mai. (schweizergarde.va)

[7] Schweizerisches Nationalmuseum: Schweizer in französischen Diensten; Tuileriensturm vom 10. August 1792 und Entstehung des Löwendenkmals in Luzern. (nationalmuseum.ch)

[8] Historisches Lexikon der Schweiz (HLS): Huldrych Zwingli; Feldpredigerzeit und Kritik am Solddienst sowie am Pensionenwesen. (hls-dhs-dss.ch)

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