55,5 Prozent des Stroms aus Wasser. Über 700 Kraftwerke. Stauseen als Batterien der Alpen. Wie die Schweiz ihre Berge in ein Stromsystem verwandelt hat - und warum das in Europa einzigartig ist.
Die Schweiz ist ein Wasserland.
Gletscher, Seen, Flüsse, Stauseen, Gebirgsbäche und alpine Täler prägen nicht nur die Landschaft. Sie prägen auch die Stromversorgung.
Seit Jahrzehnten ist Wasserkraft das Rückgrat der Schweizer Elektrizität. Während viele Länder stark von Kohle, Gas oder Öl abhängig waren, konnte die Schweiz einen grossen Teil ihres Stroms aus einer heimischen, erneuerbaren Energiequelle gewinnen.
2025 stammten 55,5 Prozent der inländischen Stromproduktion aus Wasserkraft. Davon kamen 24,2 Prozent aus Laufwasserkraftwerken und 31,3 Prozent aus Speicherkraftwerken.
Wasserkraft ist für die Schweiz nicht einfach eine Energiequelle. Sie ist strategische Infrastruktur.
Die Antwort liegt in einer besonderen Kombination: natürliche Topografie, jahrzehntelanger Ausbau, Speichersee-Systeme, Laufwasserkraft, Pumpspeicher, Netzstabilisierung und die Fähigkeit, Wasser nicht nur als Energiequelle, sondern auch als Speicher zu nutzen.
Die perfekte Geografie für Wasserkraft
Wasserkraft braucht zwei Dinge: Wasser und Höhenunterschied.
Die Schweiz hat beides.
In den Alpen sammelt sich Wasser aus Schnee, Regen, Gletschern und Bergbächen. Gleichzeitig gibt es grosse Höhenunterschiede auf relativ kleinem Raum. Wasser kann aus hochgelegenen Speichern durch Druckleitungen ins Tal geleitet werden. Dort treibt es Turbinen an, die Strom produzieren.
In einem flachen Land kann man Wasserkraft nur begrenzt nutzen. In der Schweiz dagegen entsteht durch die Topografie sehr viel potenzielle Energie.
Einfach gesagt: Die Berge sind nicht nur schön. Sie sind Teil des Schweizer Stromsystems.
Wasserkraft ist die wichtigste Stromquelle der Schweiz
Die Bedeutung der Wasserkraft ist enorm.
Laut Bundesamt für Energie liegt der Anteil der Wasserkraft an der Schweizer Stromproduktion im zehnjährigen Mittel bei rund 58,5 Prozent.
Ende 2025 umfasste der Schweizer Wasserkraftwerkspark 706 Zentralen mit mindestens 300 Kilowatt Generatorleistung. Zusammen haben diese Anlagen eine maximale Leistung von 16'475 Megawatt und eine mittlere jährliche Produktionserwartung von 37'162 Gigawattstunden.
Die Schweiz hat über Jahrzehnte ein riesiges System aufgebaut, das Wasser sammelt, speichert, leitet, turbiniert und wieder in Flüsse zurückführt.
Wasserkraft ist damit nicht nur ein Teil der Energiewende. Sie ist das Fundament, auf dem die Schweizer Stromversorgung bereits heute steht.
Laufwasserkraft: Strom aus Flüssen
Ein Teil der Schweizer Wasserkraft kommt aus Laufwasserkraftwerken.
Diese Kraftwerke nutzen den natürlichen Abfluss von Flüssen. Das Wasser wird gestaut oder umgeleitet, fliesst durch Turbinen und wird danach wieder in den Fluss zurückgeführt.
Laufwasserkraftwerke produzieren relativ konstant, solange genügend Wasser fliesst. Sie sind besonders wichtig entlang grösserer Flüsse wie Rhein, Aare, Reuss, Limmat oder Rhone.
Ihr Vorteil: Sie liefern erneuerbaren Strom ohne grosse Speicherbecken. Ihr Nachteil: Sie sind weniger flexibel - wenn viel Wasser fliesst, produzieren sie viel, wenn wenig Wasser fliesst, produzieren sie weniger.
In der Schweizer Statistik haben Laufkraftwerke eine Leistung von rund 4'319 Megawatt und eine mittlere Produktionserwartung von rund 17'764 Gigawattstunden pro Jahr. Sie sind der stetige Teil der Wasserkraft.
Speicherkraftwerke: Die Batterie der Alpen
Der zweite grosse Teil sind Speicherkraftwerke.
Hier wird Wasser in Stauseen gesammelt und bei Bedarf durch Turbinen geleitet. Das macht diese Anlagen viel flexibler als Laufwasserkraftwerke.
Wenn viel Strom gebraucht wird, kann Wasser turbiniert werden. Wenn wenig Strom gebraucht wird, bleibt das Wasser im Speicher.
Denn Strom muss in jedem Moment im Gleichgewicht sein: Produktion und Verbrauch müssen zusammenpassen. Speicherkraftwerke können schnell reagieren und Strom genau dann liefern, wenn er besonders wertvoll ist.
Die Schweiz nutzt ihre Stauseen deshalb nicht nur als Wasserreservoirs. Sie nutzt sie als Energiespeicher. Das ist einer der wichtigsten Gründe, warum Schweizer Wasserkraft so wertvoll ist.
Pumpspeicher: Wasser wird wieder nach oben gepumpt
Noch spannender sind Pumpspeicherkraftwerke.
Sie funktionieren wie riesige Batterien.
Wenn es im Stromnetz zu viel Strom gibt - zum Beispiel bei hoher Solar- oder Windproduktion - wird Wasser aus einem unteren Becken in ein höheres Becken gepumpt. Wenn später wieder mehr Strom gebraucht wird, fliesst das Wasser zurück nach unten und treibt Turbinen an.
Das System macht Strom zeitlich verschiebbar. Das ist extrem wichtig in einem Stromsystem mit viel Solar- und Windenergie.
Die Schweiz verkauft damit nicht nur Strom. Sie verkauft Flexibilität.
Nant de Drance zeigt die Strategie besonders gut
Ein Symbol dieser Strategie ist Nant de Drance im Wallis.
Das Pumpspeicherkraftwerk hat eine Leistung von 900 Megawatt und gehört zu den leistungsstärksten Anlagen Europas. Es kann sehr schnell zwischen Pumpen und Turbinieren wechseln.
Nant de Drance ist nicht einfach ein Kraftwerk. Es ist eine Wasserbatterie.
Wenn Strom billig oder im Überfluss vorhanden ist, kann Wasser nach oben gepumpt werden. Wenn Strom knapp oder teuer ist, kann es wieder turbiniert werden.
Dadurch stabilisiert Nant de Drance nicht nur die Schweizer Stromversorgung, sondern auch das europäische Netz. Die neue Rolle der Schweizer Wasserkraft: Sie ist nicht mehr nur Produktion. Sie ist Systemdienstleistung.
Die Schweiz nutzt Wasser doppelt: als Energie und als Speicher
Der entscheidende Unterschied ist: Wasser kann in der Schweiz nicht nur Strom erzeugen, sondern Strom speichern.
Ein Solarpanel produziert, wenn Sonne scheint. Eine Windturbine produziert, wenn Wind weht. Ein Laufwasserkraftwerk produziert, wenn Wasser fliesst.
Ein Speichersee dagegen kann warten.
Genau diese Fähigkeit wird in der Energiewende wichtiger. Je mehr Solar- und Windstrom ins Netz kommt, desto wichtiger werden flexible Kraftwerke, die ausgleichen können.
Die Schweiz besitzt mit ihren alpinen Speichern deshalb einen strategischen Vorteil: nicht nur erneuerbare Energie, sondern erneuerbare Energie mit eingebauter Flexibilität.
Wasserkraft hilft besonders im Winter - aber nicht genug
Die grosse Herausforderung der Schweiz ist der Winter.
Im Sommer gibt es viel Wasser aus Schneeschmelze, Regen und Gletscherabfluss. Im Winter ist es schwieriger: weniger Sonne, weniger Wasserzufluss, mehr Stromverbrauch durch Heizung, Wärmepumpen, Beleuchtung und Industrie.
Speicherkraftwerke helfen, weil Wasser aus dem Sommer und Herbst in den Winter verschoben werden kann. Aber die Speicher sind nicht unendlich gross. Sie müssen sorgfältig bewirtschaftet werden.
Wasserkraft ist ein Energieschatz - aber einer, den man richtig timen muss.
Die Schweiz will mehr Winterstrom aus Wasserkraft
Genau deshalb setzt die Schweiz auf zusätzlichen Ausbau der Speicherwasserkraft.
Laut Bund sollen 16 Wasserkraftprojekte von übergeordnetem nationalem Interesse insgesamt rund 2 Terawattstunden zusätzliche saisonale Speicherproduktion ermöglichen.
Die entscheidende Frage lautet nicht nur: Wie viele Kilowattstunden produziert ein Kraftwerk? Sondern: Wann produziert es?
Wasserkraft stabilisiert das Stromnetz
Ein Stromnetz braucht nicht nur Energie. Es braucht Stabilität.
Produktion und Verbrauch müssen jederzeit im Gleichgewicht sein. Speicher- und Pumpspeicherkraftwerke können ihre Leistung relativ schnell anpassen, hochfahren, herunterfahren und kurzfristige Schwankungen ausgleichen.
Die Schweiz nutzt Wasserkraft deshalb nicht nur als Stromquelle, sondern als Steuerungsinstrument für das ganze System.
Wasserkraft ist auch ein europäisches Geschäftsmodell
Die Schweizer Wasserkraft ist nicht nur für die Schweiz wichtig. Sie spielt auch im europäischen Strommarkt eine Rolle.
Wenn Nachbarländer viel Wind- oder Solarstrom produzieren, kann die Schweiz Strom aufnehmen, Wasser hochpumpen oder eigene Speicher schonen. Wenn Strom knapp ist, kann sie Strom liefern.
Die Schweiz liegt mitten in Europa und ist stark mit dem europäischen Stromnetz verbunden. Ihre Speicher und Pumpspeicher helfen, Schwankungen über Landesgrenzen hinweg auszugleichen.
Die Schweiz verdient nicht nur mit Kilowattstunden. Sie verdient mit Flexibilität, Timing und Netzstabilität.
Die grossen Wasserkraftzeiten sind vorbei
Zwischen 1945 und 1970 erlebte die Schweizer Wasserkraft eine eigentliche Blütezeit. Heute ist die Situation anders.
Die besten Standorte sind weitgehend erschlossen. Umweltauflagen sind strenger. Landschaftsschutz ist wichtiger. Neue Staumauern treffen auf Widerstand.
Der wichtigste Hebel liegt heute in kleinen Verbesserungen: bestehende Anlagen erneuern, Turbinen effizienter machen, Kraftwerke flexibler betreiben und digitale Prognosen verbessern.
In einem reifen System zählt Optimierung mehr als Expansion.
Klimawandel verändert die Wasserkraft
Der Klimawandel macht die Wasserkraft komplizierter.
Gletscher schmelzen, Schneefallgrenzen steigen, Niederschläge verändern sich, Sommer können trockener werden, und Wasserverfügbarkeit verschiebt sich über das Jahr.
Kurzfristig kann Gletscherschmelze teilweise mehr Wasser liefern. Langfristig verschwindet dieser Effekt, wenn Gletscher kleiner werden.
Die Wasserkraft bleibt wichtig. Aber sie wird nicht automatisch einfacher.
Die ökologische Kehrseite
Wasserkraft ist erneuerbar und CO₂-arm. Aber sie ist nicht ohne Folgen.
Staudämme verändern Flüsse. Restwasserstrecken können Lebensräume beeinträchtigen. Fischwanderung wird erschwert. Stauseen verändern Landschaften.
Wer mehr Wasserkraft will, muss erklären, wo Natur belastet werden darf. Wer mehr Naturschutz will, muss erklären, wie die Schweiz genug Winterstrom und Flexibilität bekommt.
Genau in diesem Zielkonflikt bewegt sich die Schweizer Energiepolitik.
Fazit
Die Schweiz nutzt ihre Wasserkraft optimal, weil sie Wasser nicht nur als Energiequelle, sondern als strategischen Speicher versteht.
Laufwasserkraft liefert stetige Produktion. Speicherkraftwerke liefern Strom dann, wenn er gebraucht wird. Pumpspeicherwerke wie Nant de Drance funktionieren wie riesige Batterien und helfen, Stromüberschüsse und Engpässe auszugleichen.
2025 stammten 55,5 Prozent der Schweizer Stromproduktion aus Wasserkraft. Der gesamte Wasserkraftwerkspark umfasst über 700 Zentralen und produziert im langjährigen Mittel rund 37 Terawattstunden Strom pro Jahr.
Aber die Zukunft wird anspruchsvoller: Winterstrom, Klimawandel, Umweltschutz und steigender Stromverbrauch verändern die Rolle der Wasserkraft.
Die Schweiz kann ihre Wasserkraft nicht beliebig ausbauen. Aber sie kann sie intelligenter nutzen.
Einfach gesagt: Die Schweiz hat ihre Berge in ein Stromsystem verwandelt. Und ihre Stauseen sind heute nicht nur Seen - sie sind die Batterien des Landes.
Quellen
Bundesamt für Energie BFE: Energieverbrauch 2025; inländische Stromproduktion 55,5 Prozent aus Wasserkraft, 24,2 Prozent Laufkraftwerke, 31,3 Prozent Speicherkraftwerke. (admin.ch)
Bundesamt für Energie BFE: Wasserkraft in der Schweiz; Anteil im zehnjährigen Mittel 58,5 Prozent; 706 Zentralen, 16'475 MW Leistung, 37'162 GWh mittlere Produktionserwartung. (bfe.admin.ch)
Bundesamt für Energie BFE: Grosswasserkraft; Laufkraftwerke 4'319 MW, 17'764 GWh Produktionserwartung. (bfe.admin.ch)
Nant de Drance: 900 MW Leistung, eines der leistungsstärksten Pumpspeicherkraftwerke Europas. (nant-de-drance.ch)
Schweizerische Eidgenossenschaft: 16 Wasserkraftprojekte von nationalem Interesse; 2 TWh zusätzliche saisonale Speicherproduktion bis 2040. (admin.ch)
Bundesamt für Energie BFE: Forschungsprogramm Wasserkraft; Flexibilität, Winterproduktion, Klimawandel und ökologische Bedingungen. (bfe.admin.ch)