1'400 Wasserentnahmestellen, 82 % der Gewässertypen auf der Roten Liste. Die Knappheit der Schweizer Wasserkraft ist längst nicht mehr das Wasser.
Die Schweiz ist das Land der Stauseen: Grande Dixence, Mauvoisin, Luzzone, Emosson, Grimsel.
Während des 20. Jahrhunderts wurden ganze Täler geflutet, Flüsse umgeleitet und kilometerlange Stollen durch die Alpen gebaut. Heute liefert Wasserkraft noch immer mehr als die Hälfte des Schweizer Stroms.
Eigentlich klingt die Lösung für die zukünftige Stromversorgung deshalb naheliegend: Warum bauen wir nicht einfach noch mehr Staudämme?
Genau hier beginnt das Problem.
Die besten Standorte sind vielerorts längst genutzt. Schweizer Flüsse gehören heute zu den am stärksten veränderten Lebensräumen des Landes. Neue Projekte treffen auf strengere Umweltvorschriften, Schutzgebiete, Restwasservorgaben, lokale Interessen und teilweise jahrelange Rechtsverfahren.
Und gleichzeitig braucht die Schweiz ausgerechnet im Winter mehr speicherbaren Strom.
Der Konflikt lautet deshalb nicht einfach: Strom oder Natur. Sondern zunehmend: Wie viel zusätzliche Natur darf für die letzten grossen Wasserkraftreserven noch verändert werden?
Die Schweiz hat den einfachen Teil längst gebaut
Die Schweiz besitzt hervorragende Voraussetzungen für Wasserkraft: viel Niederschlag, hohe Berge, tiefe Täler, grosse Höhenunterschiede, Gletscher und Schnee.
Bereits Ende des 19. Jahrhunderts entstanden die ersten grossen Wasserkraftwerke. Im 20. Jahrhundert folgte der massive Ausbau. Vor allem zwischen den 1940er- und 1970er-Jahren entstanden viele jener Anlagen, die den Schweizer Strommarkt bis heute prägen.
Heute gibt es in der Schweiz rund 1'400 Stellen, an denen Wasser aus Fliessgewässern für die Stromproduktion entnommen wird. Rund 2'700 Kilometer Fluss- und Bachstrecken werden dadurch direkt beeinflusst.
Und auch sonst sind natürliche Gewässer selten geworden. Das Schweizer Gewässernetz umfasst rund 65'300 Kilometer. Davon sind etwa 14'000 Kilometer oder 22 % durch Mauern, künstliche Stufen, Kanalisierungen oder Eindolungen stark verändert. In tieferen Alpentälern befinden sich sogar rund 52 % der untersuchten Gewässerstrecken in einem schlechten ökomorphologischen Zustand.
Bei den grossen Seen sieht es ähnlich aus: 30 der 35 grössten Schweizer Seen werden künstlich reguliert.
Das Bundesamt für Umwelt formuliert es ziemlich deutlich: Durch Wasserkraftwerke und andere Regulierungen gibt es in der Schweiz kaum noch Flüsse mit vollständig natürlichem Abflussregime.
Genau deshalb ist ein neuer Staudamm heute etwas vollkommen anderes als vor 70 Jahren. Damals wurde häufig ein wirtschaftlich interessanter Fluss erschlossen. Heute bedeutet ein neues Projekt oft, in einen der vergleichsweise wenigen noch wenig veränderten alpinen Räume einzugreifen.
Warum ein unverbauter Fluss heute so wertvoll ist
Ein Fluss ist nicht einfach Wasser, das ungenutzt Richtung Meer fliesst. Ein natürlicher Fluss transportiert Wasser, Kies, Sand, Nährstoffe, Samen und Organismen. Er verbindet unterschiedliche Lebensräume miteinander.
Fische wandern flussaufwärts und flussabwärts. Hochwasser formen Kiesbänke und Auen. Das Geschiebe erneuert Lebensräume. Und unterschiedliche Wasserstände schaffen ständig neue ökologische Bedingungen.
Eine Staumauer verändert dieses System fundamental. Sie unterbricht die Wanderung von Organismen. Sedimente bleiben im Stausee liegen. Unterhalb der Wasserfassung fliesst weniger Wasser. Bei Speicherkraftwerken können zudem sogenannte Schwall-Sunk-Effekte entstehen: Wird plötzlich viel Strom benötigt, fliesst kurzfristig deutlich mehr Wasser durch die Turbinen und danach wieder wesentlich weniger.
Das BAFU zählt schweizweit rund 1'000 Fischwanderhindernisse im Zusammenhang mit Wasserkraftanlagen, etwa 100 Anlagen mit problematischen künstlichen Abflussschwankungen und rund 500 Anlagen beziehungsweise andere Bauwerke mit relevanten Geschiebedefiziten.
Gleichzeitig gehören Gewässer zu den ökologisch am stärksten bedrohten Lebensräumen der Schweiz. Nach Angaben des BAFU stehen 82 % der Schweizer Gewässertypen auf der Roten Liste.
Damit verändert sich die Ausgangslage. Wenn heute ein weitgehend unberührtes Alpental geflutet werden soll, lautet die Frage nicht nur: Wie viel Strom entsteht dort? Sondern auch: Was geht verloren, wenn dieser Lebensraum einmal überflutet ist?
Eine Staumauer braucht mehr als eine Baubewilligung
Ein Energieunternehmen kann nicht einfach ein Tal auswählen und dort eine Staumauer errichten. Wasserkraftprojekte durchlaufen eine ganze Reihe von Verfahren. Je nach Projekt braucht es unter anderem:
• eine Wasserrechtskonzession
• raumplanerische Entscheide
• Umweltverträglichkeitsprüfungen
• gewässerschutzrechtliche Bewilligungen
• Baubewilligungen
• und bei grossen Staumauern umfangreiche Sicherheitsnachweise
Besonders wichtig ist das Restwasser. Seit dem Gewässerschutzgesetz von 1992 muss unterhalb einer Wasserentnahme genügend Wasser im natürlichen Flussbett verbleiben. Dieses Wasser kann dann nicht durch die Turbinen geleitet werden. Es dient unter anderem Fischen und anderen Organismen, dem Grundwasser, der Landschaft und der natürlichen Funktion des Gewässers.
Hinzu kommen Schutzgebiete: Auen, Moore, Biotope, Landschaften von nationaler Bedeutung, Fischlebensräume und Gletschervorfelder.
Bei einem grossen Wasserkraftprojekt müssen Behörden deshalb unterschiedliche öffentliche Interessen gegeneinander abwägen. Stromproduktion besitzt ein öffentliches Interesse. Natur- und Landschaftsschutz ebenfalls. Und genau diese Abwägung kann Projekte über Jahre beschäftigen.
Das bedeutet allerdings nicht, dass Einsprachen der einzige Grund für langsame Projekte wären. Der Bund untersuchte 2025 die Hindernisse beim Ausbau bestehender Grosswasserkraftwerke. Genannt wurden neben Beschwerden unter anderem Umweltauflagen, auslaufende Konzessionen, technische Schwierigkeiten und fehlende Wirtschaftlichkeit.
Ein Staudamm scheitert also nicht automatisch an Naturschutzorganisationen. Manchmal lohnt er sich schlicht nicht.
Die Trift zeigt den Konflikt wie kaum ein anderer Ort
Ein besonders gutes Beispiel liegt im Berner Oberland. Der Triftgletscher hat sich stark zurückgezogen. Wo früher Eis lag, entstand zu Beginn der Nullerjahre ein neuer natürlicher See.
Genau dort planen die Kraftwerke Oberhasli seit 2014 einen neuen Speichersee mit Staumauer und Kraftwerk. Das Projekt könnte rund 145 Gigawattstunden zusätzliche erneuerbare Stromproduktion ermöglichen.
Aus Sicht der Energieversorgung ist der Standort attraktiv. Der See existiert bereits. Das Tal besitzt grosse Höhenunterschiede. Und das Wasser könnte gezielt für die Stromproduktion im Winter gespeichert werden.
Aus Sicht der Gegner liegt genau dort aber das Problem. Die Landschaft rund um die Trift gehört zu jenen alpinen Gebieten, die bisher vergleichsweise wenig technisch verändert wurden. Gegen die erteilte Konzession wurden deshalb Beschwerden eingereicht.
Anfang Dezember 2025 kam es zu einer bemerkenswerten Annäherung. KWO, Kanton Bern und mehrere Umweltorganisationen einigten sich auf Ausgleichsmassnahmen im Umfang von 7 Millionen Franken für das Trift-Projekt und weiteren 4 Millionen für den Grimselsee. Vereinbart wurden unter anderem Nutzungsverzichte an 53 Fliessgewässern im ganzen Kanton sowie Renaturierungen an Simme und Emme. Mehrere Umweltorganisationen verzichteten im Gegenzug auf weitere Beschwerden.
Der Grimselverein hielt allerdings an seiner Beschwerde fest. Sie ist beim Berner Verwaltungsgericht weiterhin hängig.
Und dann kam der Widerstand von einer Seite, die man nicht erwartet hätte: von der Standortgemeinde selbst. Innertkirchen fühlte sich beim Kompromiss übergangen und brach Ende 2025 die Gespräche mit der KWO ab. Im Februar 2026 kündigte das Unternehmen deshalb an, den Stausee statt über das Gadmental über das unbewohnte Aaretal zu erschliessen. Der Zugangsstollen wäre dadurch rund 8 statt 5 Kilometer lang, und die KWO rechnet mit ein bis zwei zusätzlichen Planungsjahren.
Die Trift zeigt damit ziemlich genau, warum ein neuer Staudamm heute so schwierig ist. Es geht gleichzeitig um Winterstrom, Landschaft, Biodiversität, Gemeinderechte, Tourismus, Erschliessung, Konzessionen, Finanzierung - und die grundsätzliche Frage, welche alpinen Räume überhaupt noch technisch genutzt werden sollen.
Trotzdem will die Schweiz neue Speicher
Denn gleichzeitig besitzt die Wasserkraft einen Vorteil, der für das zukünftige Stromsystem immer wichtiger wird: Wasser kann gespeichert werden.
Eine Solaranlage produziert Strom, wenn die Sonne scheint. Ein Windrad produziert Strom, wenn Wind vorhanden ist. Ein Speicherkraftwerk kann dagegen Wasser monatelang im Stausee zurückhalten. Der Strom wird erst produziert, wenn er tatsächlich benötigt wird. Gerade im Winter ist das für die Schweiz wertvoll.
Deshalb einigten sich Bund, Kantone, Stromunternehmen und grosse Umweltorganisationen 2021 am sogenannten Runden Tisch Wasserkraft auf eine Auswahl besonders wichtiger Ausbauprojekte. Aus ursprünglich 33 untersuchten Projekten wurden 15 priorisiert. Das Parlament fügte später ein weiteres hinzu. Heute stehen deshalb 16 Wasserkraftprojekte im Stromversorgungsgesetz, darunter Gorner oberhalb von Zermatt, Trift im Berner Oberland, Grimselsee, Mattmarksee, Lac d'Emosson, Moiry sowie Curnera und Nalps.
Das Ziel war ursprünglich, damit bis 2040 rund 2 Terawattstunden zusätzliche saisonal speicherbare Winterproduktion zu schaffen. Das entspricht ungefähr 3 % der gesamten Schweizer Stromproduktion des Jahres 2025.
Interessant ist aber: Die meisten dieser Projekte sind keine komplett neuen Staudämme in unberührten Tälern. Nach Angaben des Bundesrates betreffen 12 der 16 Vorhaben bestehende Wasserkraftwerke, die erweitert oder umgebaut werden sollen.
Typisch ist beispielsweise der Grimselsee. Dort sollen nicht einfach neue Täler erschlossen werden. Stattdessen sollen zwei bestehende Staumauern um 23 Meter erhöht werden, darunter die erst 2025 eingeweihte, 113 Meter hohe Spitallamm-Staumauer. Dadurch könnte sich das Volumen des Sees fast verdoppeln. Der Bundesrat genehmigte im Juni 2026 die dafür notwendige Schutz- und Nutzungsplanung zusammen mit ökologischen Ausgleichsmassnahmen.
Das zeigt die neue Strategie ziemlich deutlich: Die Schweiz versucht bevorzugt mehr aus bereits erschlossenen Wasserkraftlandschaften herauszuholen, bevor völlig neue Täler geflutet werden.
Seit 2026 macht der Bund den Bau bewusst einfacher
Gleichzeitig hat sich die Rechtslage verändert. Die Bevölkerung nahm das Stromgesetz am 9. Juni 2024 an. Für die 16 priorisierten Wasserkraftprojekte bedeutet das: Ihr Beitrag zur Energieversorgung erhält bei der Interessenabwägung grundsätzlich Vorrang.
Das heisst aber nicht, dass Natur- und Landschaftsschutz automatisch verlieren. Der Bund hält ausdrücklich fest, dass jedes Projekt weiterhin einzeln beurteilt werden muss. In einem konkreten Fall können Schutzinteressen weiterhin schwerer wiegen.
Zusätzlich verabschiedete das Parlament 2025 den sogenannten Beschleunigungserlass. Ein grosser Teil davon gilt seit dem 1. April 2026. Damit werden Planungs-, Bewilligungs- und Rechtsmittelverfahren für grosse erneuerbare Energieprojekte gestrafft. Bei Anlagen von nationalem Interesse wurde insbesondere der Rechtsmittelweg verkürzt.
Die politische Richtung ist damit klar: Die Schweiz will ausgewählte Wasserkraftprojekte einfacher realisierbar machen.
Die Projekte werden dadurch aber nicht automatisch gebaut. Konzessions- und Baubewilligungsverfahren bleiben bestehen. Auch Gemeinden, Private und Organisationen besitzen weiterhin Mitwirkungs- beziehungsweise Beschwerdemöglichkeiten innerhalb des gesetzlichen Rahmens.
Und selbst mit diesen Erleichterungen zeigt sich bereits ein Problem. Von den ursprünglich angestrebten zusätzlichen 2 TWh Winterproduktion könnten nach Einschätzung des BFE bis 2040 voraussichtlich nur ungefähr 1,1 TWh realisiert werden. Gründe sind Redimensionierungen, Verzögerungen, sistierte Vorhaben, technische Schwierigkeiten, Wirtschaftlichkeit und noch offene Bewilligungsverfahren.
Der Bund arbeitet deshalb an einer Überarbeitung beziehungsweise möglichen Erweiterung der Projektliste.
Fazit
Sind neue Schweizer Staudämme also fast unmöglich? Nein. Aber ein komplett neuer grosser Staudamm gehört heute zu den schwierigsten Infrastrukturprojekten, die man in der Schweiz planen kann.
Nicht weil es ein generelles Bauverbot gäbe. Sondern weil mehrere Entwicklungen gleichzeitig zusammenkommen. Die wirtschaftlich attraktivsten Standorte wurden zu einem grossen Teil bereits im 20. Jahrhundert erschlossen. Viele Schweizer Gewässer sind heute stark verändert. Die verbleibenden naturnahen alpinen Räume besitzen deshalb einen besonders hohen ökologischen und landschaftlichen Wert. Gleichzeitig gelten heute Umweltstandards, Restwasserregeln und Mitwirkungsrechte, die beim grossen Staudammbau der Nachkriegszeit teilweise noch gar nicht existierten. Und ein neues Kraftwerk muss am Ende auch wirtschaftlich funktionieren.
Genau deshalb verändert sich der Ausbau der Wasserkraft. Die Zukunft besteht wahrscheinlich weniger darin, überall neue Grande-Dixence-Staumauern zu errichten. Stattdessen geht es zunehmend darum, bestehende Staumauern zu erhöhen, Kraftwerke effizienter zu machen, bestehende Speicherseen miteinander zu verbinden, Pumpspeicher auszubauen - und nur an wenigen ausgewählten Standorten tatsächlich neue Speicher zu schaffen. Gorner und Trift gehören zu diesen seltenen Fällen.
Damit entsteht ein ungewöhnlicher Konflikt. Die Schweiz benötigt zusätzliche speicherbare Energie. Doch gerade jene alpinen Landschaften, die technisch noch genutzt werden könnten, gehören teilweise zu den letzten Räumen, die bisher nicht vollständig für die Energieproduktion erschlossen wurden.
Die eigentliche Knappheit der Schweizer Wasserkraft ist deshalb längst nicht mehr nur das Wasser. Es sind geeignete Orte, an denen die Schweiz noch bereit ist, dieses Wasser aufzustauen.