Über 9 Millionen Menschen. Doch nur auf einem Drittel des Landes lässt sich dauerhaft wohnen, arbeiten und Landwirtschaft betreiben.
Die Schweiz ist rund 41'300 Quadratkilometer gross. Auf dieser Fläche leben inzwischen mehr als 9,1 Millionen Menschen. Auf den ersten Blick klingt das nach ziemlich viel Platz.
Doch ein Blick auf die Landkarte täuscht. Gletscher, Felswände, Seen, Flüsse, Wälder, steile Berghänge und Alpwiesen: Ein grosser Teil des Landes steht für Städte, Wohnungen und Arbeitsplätze gar nicht oder nur sehr eingeschränkt zur Verfügung.
Wie viel von der Schweiz ist also tatsächlich bewohnbar?
Die überraschende Antwort: Eine offizielle Kategorie "bewohnbare Fläche" gibt es zwar nicht. Rechnet man aber jene Flächen zusammen, die dauerhaft intensiv für Siedlungen, Infrastruktur und Landwirtschaft genutzt werden können, landet man bei nur ungefähr 31 % der Schweiz. Und tatsächlich als Siedlungsfläche genutzt werden sogar nur rund 8 %.
Fast 60 % der Schweiz liegen in den Alpen
Der wichtigste Grund ist offensichtlich: Die Schweiz ist ein Gebirgsland.
Geografisch lässt sie sich grob in drei Grossräume aufteilen: die Alpen mit rund 58 %, das Mittelland mit rund 31 % und den Jura mit rund 11 %. Die Alpen nehmen damit deutlich mehr als die Hälfte der gesamten Landesfläche ein. Zählt man auch den Jura zum Gebirgsraum, bestehen rund 70 % der Schweiz aus Gebirge.
Das bedeutet natürlich nicht, dass dort niemand wohnen kann. Täler wie das Wallis, das Engadin, das Rheintal oder zahlreiche kleinere Alpentäler sind seit Jahrhunderten besiedelt.
Aber grosse Teile des Gebirges sind für eine dauerhafte intensive Besiedlung schlicht ungeeignet. Zu steil, zu hoch, zu felsig. Von Lawinen, Steinschlag oder Hochwasser bedroht. Oder nur mit enormem Aufwand erschliessbar.
Das erklärt auch eine auffällige Verteilung: Obwohl das Gebirge etwa 70 % des Staatsgebiets ausmacht, lebt dort nur ungefähr ein Viertel der Bevölkerung.
Ein Viertel des Landes gilt sogar als unproduktiv
Das Bundesamt für Statistik teilt die gesamte Landesfläche in vier grosse Nutzungskategorien ein. Nach der Arealstatistik 2018 sieht die Schweiz ungefähr so aus: 8 % Siedlungsflächen, 35 % Landwirtschaftsflächen, 32 % Wald und Gehölze sowie 25 % unproduktive Flächen.
"Unproduktiv" klingt dabei negativer, als es gemeint ist. Diese Gebiete können ökologisch oder landschaftlich extrem wertvoll sein. Sie werden lediglich kaum oder gar nicht wirtschaftlich genutzt und sind normalerweise auch nicht besiedelt.
Zu diesen rund 10'361 Quadratkilometern gehören unter anderem 4'635 km² vegetationslose Flächen, 2'915 km² unproduktive Vegetation, 1'434 km² Seen, 1'030 km² Gletscher und Firn sowie 347 km² Fliessgewässer.
Anders gesagt: Jeder vierte Quadratkilometer der Schweiz besteht aus Flächen wie Fels, Geröll, Hochgebirge, Gletschern oder Gewässern.
Fast ein weiteres Drittel ist Wald
Dann kommt der Wald. Rund 32 % der Schweiz sind mit Wald, Gehölzen oder Gebüschwald bedeckt.
Theoretisch könnte man einen Wald roden und dort Häuser bauen. Praktisch funktioniert das in der Schweiz nicht einfach so. Rodungen sind grundsätzlich verboten und nur unter bestimmten Voraussetzungen zulässig. Wenn Wald gerodet werden darf, muss zudem normalerweise Ersatz geschaffen werden.
Der Schweizer Wald ist damit nicht einfach eine riesige Baulandreserve. Und das hat gute Gründe: Wälder schützen vor Lawinen und Steinschlag, speichern Wasser und Kohlenstoff und sind Lebensraum. Gerade in den Alpen besitzen Schutzwälder eine wichtige Funktion für darunterliegende Siedlungen und Verkehrswege.
Wer also fragt, wie viel Fläche der Schweiz tatsächlich für zusätzliche Siedlungen zur Verfügung steht, kann nicht einfach sagen: Dann bauen wir eben in den Wald.
Auch Landwirtschaftsfläche ist nicht einfach freies Bauland
Dann bleiben die rund 35 % Landwirtschaftsfläche. Doch auch hier muss man genauer hinschauen.
Von den rund 14'525 Quadratkilometern Landwirtschaftsfläche entfallen ungefähr 5'033 Quadratkilometer auf Alpwirtschaftsflächen. Das sind hoch gelegene Weiden und andere Flächen, die nicht ganzjährig intensiv bewirtschaftet werden können. Für einen sogenannten Dauersiedlungsraum werden solche Flächen deshalb normalerweise nicht mitgerechnet.
Noch wichtiger sind die besonders guten Ackerböden. Die Schweiz sichert rund 445'680 Hektaren sogenannte Fruchtfolgeflächen. Das entspricht ungefähr 11 % der gesamten Landesfläche. Diese Böden besitzen das höchste landwirtschaftliche Ertragspotenzial und sollen insbesondere für die Ernährungssicherheit erhalten bleiben.
Damit entsteht ein grundlegender Konflikt: Genau jene flachen Böden, auf denen man besonders einfach Wohnungen, Fabriken und Strassen bauen könnte, gehören häufig gleichzeitig zu den besten Landwirtschaftsböden des Landes.
Was bleibt dann überhaupt noch übrig?
Hier wird es interessant. Eine häufig verwendete Definition des sogenannten Dauersiedlungsraums umfasst im Wesentlichen Siedlungs- und Infrastrukturflächen plus dauerhaft nutzbare Landwirtschaftsflächen. Nicht dazu gehören Wald, Alpwirtschaftsflächen, Seen und Flüsse, Gletscher, Fels und Geröll sowie andere unproduktive Flächen.
Nimmt man die Zahlen der Arealstatistik als Grundlage, ergibt sich überschlagsmässig: 3'271 km² Siedlungsfläche plus rund 9'492 km² Landwirtschaftsfläche ohne Alpwirtschaft. Das ergibt ungefähr 12'760 km² - und damit nur etwa 31 % der gesamten Schweiz.
Diese Zahl bedeutet nicht, dass exakt 69 % des Landes unbewohnbar wären. Ein Bergdorf kann selbstverständlich mitten in einer ansonsten kaum nutzbaren Gebirgsregion liegen. Aber sie zeigt ziemlich gut, wie klein jener Teil des Landes ist, auf dem sich dauerhaft ein grosser Teil des menschlichen Lebens konzentrieren kann.
Auf diesem Raum leben mehr als neun Millionen Menschen
Dadurch verändert sich auch die Wahrnehmung der Schweizer Bevölkerungsdichte. Teilt man die Bevölkerung einfach durch die gesamte Landesfläche, wirkt die Schweiz dicht besiedelt, aber nicht extrem. Doch grosse Gebiete stehen für dauerhafte Besiedlung praktisch nicht zur Verfügung.
Rechnet man die inzwischen über 9,1 Millionen Einwohner grob auf die rund 12'760 Quadratkilometer dieses intensiv nutzbaren Raums um, ergibt sich rechnerisch eine Dichte von mehr als 700 Menschen pro Quadratkilometer.
Natürlich leben diese Menschen nicht gleichmässig über diese Fläche verteilt, und Landwirtschaft benötigt einen grossen Teil davon. Aber die Rechnung zeigt: Der tatsächlich intensiv nutzbare Raum der Schweiz ist wesentlich dichter beansprucht, als die normale Bevölkerungsdichte vermuten lässt.
Das Mittelland wird damit zum entscheidenden Raum
Besonders deutlich wird das im Mittelland. Es zieht sich vom Genfersee im Südwesten bis zum Bodensee im Nordosten. Und obwohl es nur ungefähr 31 % der Landesfläche umfasst, leben dort mehr als zwei Drittel der Schweizer Bevölkerung.
Hier befindet sich ein grosser Teil der wichtigsten Städte und Agglomerationen: Genf, Lausanne, Bern, Zürich, Winterthur und St. Gallen, dazu Basel am Rand des Mittellandes. Dazwischen liegen zahlreiche kleinere Städte, Gemeinden, Industriegebiete und Verkehrsachsen. Gleichzeitig befindet sich hier ein grosser Teil der produktivsten Landwirtschaftsflächen.
Das Mittelland muss deshalb gleichzeitig Platz bieten für Wohnungen, Unternehmen, Landwirtschaft, Autobahnen, Bahnlinien, Energieinfrastruktur, Flüsse, Naturräume und Erholungsgebiete.
Genau deshalb ist Boden hier so umkämpft.
Wie viel ist tatsächlich bebaut, und wie viel davon darf das überhaupt?
Jetzt kommt eine Zahl, die zunächst verwirrend wirkt. Nur rund 8 % der Schweiz gelten laut Arealstatistik überhaupt als Siedlungsfläche.
Und selbst "Siedlungsfläche" bedeutet nicht nur Häuser. Dazu zählen auch Strassen und Bahnflächen, Industrie- und Gewerbeareale, Erholungs- und Grünanlagen, Versorgungsanlagen sowie besondere Siedlungsflächen.
Das eigentliche Gebäudeareal machte 2018 rund 1'657 Quadratkilometer aus. Das entspricht ungefähr 4 % der gesamten Landesfläche. Auch dabei handelt es sich allerdings nicht einfach um die reine Fläche sämtlicher Gebäudedächer, sondern um eine statistische Nutzungskategorie.
Trotzdem zeigt die Zahl: Der Teil der Schweiz, den wir auf Karten als Städte und Dörfer wahrnehmen, nimmt nur einen relativ kleinen Anteil des gesamten Landes ein.
Doch nicht allein die Topografie entscheidet darüber, wo gebaut werden kann. Es gibt auch die Raumplanung. In der Schweiz darf grundsätzlich nur innerhalb von Bauzonen gebaut werden.
2022 umfassten sämtliche Schweizer Bauzonen zusammen rund 234'337 Hektaren, also etwa 2'343 Quadratkilometer. Innerhalb dieser vergleichsweise kleinen Fläche lebten damals rund 8,3 Millionen Menschen und damit etwa 95 % der Bevölkerung.
Die Bauzonenfläche blieb zwischen 2012 und 2022 nahezu konstant. Die Zahl der darin lebenden Menschen stieg gleichzeitig von rund 7,4 auf 8,3 Millionen. Die Schweiz brachte also innerhalb praktisch derselben Bauzonenfläche fast 900'000 zusätzliche Einwohner unter.
Das bedeutet: Die bestehenden Siedlungen wurden dichter.
Warum macht die Schweiz nicht einfach viel mehr Land zu Bauland?
Weil genau das jahrzehntelang zu einem anderen Problem geführt hat: Zersiedelung.
Neue Wohnquartiere entstehen besonders einfach auf flachen Flächen am Rand bestehender Gemeinden. Dort liegt aber häufig Landwirtschaftsland. Zwischen 1985 und 2018 entstanden laut Bundesamt für Statistik rund neun Zehntel der neuen Siedlungsflächen auf ehemaligen Landwirtschaftsflächen.
Jede neue Siedlung am Ortsrand bedeutet deshalb häufig weniger Kulturland. Hinzu kommen neue Strassen, Leitungen und weitere Infrastruktur.
Die Schweizer Raumplanung verfolgt deshalb inzwischen ausdrücklich das Prinzip der Siedlungsentwicklung nach innen. Neue Wohnungen sollen möglichst durch dichtere Bebauung, Aufstockungen, Ersatzneubauten, die Umnutzung alter Industrieareale, das Schliessen von Baulücken und Bauen an bereits gut erschlossenen Standorten entstehen.
Die Schweiz soll also möglichst wachsen, ohne ihre Siedlungen im gleichen Tempo immer weiter in die Landschaft auszudehnen.
Wo der Platzmangel am sichtbarsten wird
Besonders extrem wird die Situation in manchen Alpentälern. Auf der Karte wirkt beispielsweise ein Bergkanton riesig. Doch ein grosser Teil seiner Fläche besteht aus Berghängen, Wald, Fels oder Gletschern. Das tatsächlich intensiv nutzbare Land konzentriert sich auf schmale Talböden.
Dort konkurrieren dann auf wenigen Quadratkilometern Dörfer, Strassen, Bahnlinien, Industrie, Landwirtschaft, Flüsse, Hochwasserschutz und touristische Infrastruktur.
Genau deshalb sagt die Gesamtfläche eines Kantons erstaunlich wenig darüber aus, wie viel Platz seine Bevölkerung tatsächlich zur Verfügung hat.
Der Bodenknappheit kommt in der Schweiz deshalb insgesamt eine besondere Bedeutung zu. Wächst die Bevölkerung, kann das Land nicht einfach beliebig neue Flächen erschliessen. Berge verschwinden nicht. Seen können nicht bebaut werden. Wald ist geschützt. Gute Ackerböden sollen erhalten bleiben. Und bestehende Siedlungsgebiete sollen sich nicht grenzenlos ausbreiten.
Das erklärt zumindest teilweise, warum Themen wie Verdichtung, Hochhäuser, Einzonungen, Wohnungsmangel, Zweitwohnungen, Ortsbildschutz, Landwirtschaftsflächen und Verkehrsinfrastruktur in der Schweiz politisch so intensiv diskutiert werden. Denn am Ende konkurrieren viele Interessen um denselben relativ kleinen nutzbaren Raum.
Fazit
Es kommt darauf an, was man unter bewohnbar versteht.
Wenn man fragt, wie viel Fläche heute als Siedlungsfläche genutzt wird: rund 8 %. Wenn man zusätzlich dauerhaft nutzbares Landwirtschaftsland einbezieht und damit ungefähr den intensiv nutzbaren Dauersiedlungsraum betrachtet: rund 31 %.
Rund ein Viertel der Schweiz besteht dagegen aus sogenannten unproduktiven Flächen wie Fels, Hochgebirge, Gewässern und Gletschern. Fast ein weiteres Drittel ist bewaldet.
Die Schweiz besitzt also 41'300 Quadratkilometer Staatsgebiet. Aber für den grössten Teil des täglichen Lebens von über neun Millionen Menschen steht nur ein Bruchteil davon intensiv zur Verfügung.
Das erklärt auch eines der grossen Schweizer Paradoxe: Die Schweiz wirkt mit ihren Bergen, Tälern und Landschaften unglaublich weitläufig. Doch dort, wo Menschen tatsächlich wohnen, arbeiten, Landwirtschaft betreiben und Infrastruktur bauen können, ist das Land plötzlich erstaunlich klein.