0,2 Prozent des Schweizer Stroms kommt aus Wind - Österreich produziert 45-mal mehr. Der Grund ist nicht unbedingt fehlender Wind, sondern etwas anderes.
Wer durch Deutschland, Dänemark oder die Niederlande fährt, sieht sie teilweise kilometerweit: Windräder. In der Schweiz sieht das völlig anders aus.
Obwohl das Land massiv in erneuerbare Energien investiert, spielt Windkraft bisher praktisch keine Rolle. 2025 lieferte sie gerade einmal 0,2 Prozent der Schweizer Stromproduktion. Zum Vergleich: Photovoltaik kam bereits auf 11,8 Prozent und Wasserkraft auf 55,5 Prozent.
Dabei wäre Windenergie ausgerechnet für die Schweiz besonders interessant. Zumindest in der Theorie. Denn Schweizer Windräder produzieren den grössten Teil ihres Stroms genau dann, wenn das Land ihn am dringendsten braucht: im Winter.
Warum stehen also so wenige davon?
Ist die Schweiz einfach zu wenig windig?
Das wäre die naheliegendste Erklärung. Schliesslich liegt die Schweiz nicht an der Nordsee und besitzt keine riesigen Küstenflächen mit konstantem Wind.
Und tatsächlich spielt dieser Punkt eine Rolle. Die Schweiz hat nutzbaren Wind - aber nicht die grossflächigen, konstant starken Windverhältnisse der europäischen Spitzenstandorte. Eine wissenschaftliche Untersuchung zu den besonderen Herausforderungen der Windenergie in der Schweiz nennt vergleichsweise niedrige Windgeschwindigkeiten ausdrücklich als einen der Faktoren, die den Ausbau erschweren.
Trotzdem gibt es Regionen mit guten Windverhältnissen, beispielsweise im Jura, in Teilen der Voralpen, in Alpentälern und an exponierten Bergstandorten. Das Bundesamt für Energie geht deshalb weiterhin von einem erheblichen technischen Potenzial aus. In einer aktuellen Einschätzung nennt der Bund ein langfristiges Windenergiepotenzial von rund 30 Terawattstunden pro Jahr, davon etwa 20 TWh im Winterhalbjahr. Zum Vergleich: Der gesamte Schweizer Stromverbrauch lag 2025 bei rund 58 TWh.
Natürlich bedeutet ein theoretisches beziehungsweise technisches Potenzial nicht, dass diese gesamte Menge tatsächlich wirtschaftlich und politisch realisierbar ist. Aber es zeigt: Fehlender Wind allein erklärt die wenigen Schweizer Windräder nicht.
Gute Windstandorte sind oft gerade die komplizierten Standorte
Damit kommt eine zweite Schweizer Besonderheit ins Spiel: die Topografie.
Einige interessante Windstandorte befinden sich auf Jurahöhen, Bergzügen oder in alpinen und voralpinen Regionen. Dort kann der Wind gut sein. Doch ein Windpark benötigt weit mehr als Wind.
Moderne Windenergieanlagen bestehen aus gewaltigen Komponenten. Rotorblätter können viele Dutzend Meter lang sein, Turmsegmente wiegen mehrere Tonnen. Diese Teile müssen überhaupt erst zum Standort transportiert werden können. Dafür braucht es geeignete Zufahrtswege. Hinzu kommen Fundamente, Kranstellflächen, Netzanschlüsse und weitere Infrastruktur. Gerade in schwierigem Gelände kann die Erschliessung deshalb aufwendig werden.
Gleichzeitig befinden sich viele dieser Standorte in Landschaften, Wäldern oder Bergregionen, in denen Natur-, Landschafts- und weitere Schutzinteressen berücksichtigt werden müssen.
Damit entsteht ein grundlegendes Problem: Ein theoretisch guter Windstandort ist noch lange kein wirtschaftlich guter Kraftwerksstandort.
Von der Idee zum Windrad können Jahrzehnte vergehen
Der wohl wichtigste Grund für den langsamen Ausbau liegt jedoch bei den Verfahren.
Ein grosser Windpark entsteht nicht einfach dadurch, dass ein Unternehmen ein geeignetes Grundstück findet und dort Windräder aufstellt. Zunächst müssen geeignete Gebiete in der kantonalen Planung berücksichtigt werden. Danach folgen je nach Projekt unter anderem Nutzungsplanung, Umweltabklärungen, Baubewilligungen, Netzanschluss und weitere Bewilligungen. Bei grossen Anlagen können zusätzlich Rechtsmittelverfahren hinzukommen.
Wie lang dieser Prozess werden kann, hat der Bund selbst eingeräumt. Bei grossen Wind- und Wasserkraftprojekten vergingen zwischen Projektierungsbeginn und Realisierung teilweise mehr als 20 Jahre.
Das bedeutet: Ein Windpark, der heute Strom produzieren könnte, basiert möglicherweise auf Planungen, die vor vielen Jahren begonnen haben.
Und dann können Projekte angefochten werden
Windräder sind grosse Eingriffe in die Landschaft. Moderne Anlagen können weit über 100 Meter hoch sein und sind entsprechend weithin sichtbar. Deshalb entstehen bei vielen Projekten Interessenkonflikte.
Anwohner können sich durch Landschaftsveränderungen oder Lärm gestört fühlen. Natur- und Umweltschutzorganisationen beschäftigen sich beispielsweise mit Auswirkungen auf Vögel, Fledermäuse, Wälder oder geschützte Landschaften. Gemeinden und Kantone müssen wiederum lokale Interessen berücksichtigen.
Dazu kommen technische Anforderungen. Windenergieanlagen ab einer bestimmten Höhe benötigen beispielsweise eine Bewilligung des Bundesamtes für Zivilluftfahrt, damit sie keine Gefahr für die Luftfahrt darstellen.
All diese Interessen sind grundsätzlich legitim. In Kombination können sie Projekte jedoch sehr komplex machen.
Der Schweizer Föderalismus spielt ebenfalls eine Rolle
Hinzu kommt eine Besonderheit des politischen Systems. Die Planung von Windenergieanlagen liegt zu einem erheblichen Teil bei den Kantonen.
Das Energiegesetz verpflichtet sie zwar dazu, geeignete Gebiete für Wind- und Wasserkraft in ihren Richtplänen festzulegen. Wie Projekte anschliessend konkret geplant und bewilligt werden, hängt jedoch stark von den jeweiligen kantonalen Regelungen ab. In den meisten Kantonen benötigen Windenergieprojekte zudem eine kommunale Nutzungsplanung und damit die Zustimmung der Standortgemeinde. In einigen Kantonen sind die Verfahren stärker kantonal organisiert.
Das passt zum politischen System der Schweiz: Entscheidungen sollen möglichst nahe bei den betroffenen Regionen getroffen werden. Bei grossen Infrastrukturprojekten kann genau das allerdings zusätzliche Planungsschritte bedeuten.
Windkraft gegen Landschafts- und Naturschutz
Besonders sichtbar wird der Konflikt beim Landschaftsschutz.
Ein Wasserkraftwerk kann teilweise tief in einem Tal liegen. Solaranlagen können auf bestehenden Dächern installiert werden. Ein grosses Windrad dagegen ist weithin sichtbar. Und gerade viele windreiche Regionen der Schweiz befinden sich in landschaftlich sensiblen Gebieten.
Damit entsteht ein klassischer Zielkonflikt: Wie viel Veränderung der Landschaft akzeptiert man für mehr erneuerbaren Strom?
Die Diskussion ist inzwischen auch auf nationaler Ebene angekommen. 2026 befasste sich der Bundesrat beispielsweise mit zwei Volksinitiativen, die den Bau von Windenergieanlagen in Wäldern beziehungsweise die Mitsprache von Gemeinden bei Windparks stärker regeln wollen. Der Bundesrat lehnt beide Initiativen ab, weil sie seiner Ansicht nach den Ausbau der Windenergie deutlich bremsen würden.
Die Debatte zeigt: Bei Windenergie geht es längst nicht nur um Technik. Es geht um die Frage, wie die Schweiz ihre Landschaft nutzen will.
Gleichzeitig explodiert die Solarenergie
Während Windkraft nur langsam wächst, erlebt eine andere Technologie einen Boom: Photovoltaik.
Das hat einen entscheidenden Vorteil. Solaranlagen können auf bereits bestehenden Flächen gebaut werden - auf Hausdächern, Industriehallen, Fassaden oder Parkplätzen. Damit muss nicht für jede zusätzliche Anlage eine weithin sichtbare neue Infrastruktur in die Landschaft gestellt werden.
2025 stammten bereits 11,8 Prozent der Schweizer Stromproduktion aus Photovoltaik. Windkraft kam im gleichen Jahr lediglich auf 0,2 Prozent. Zur Einordnung: Die 11,8 Prozent beziehen sich auf die gesamte inländische Stromproduktion. Gemessen am Schweizer Strom-Endverbrauch deckte Photovoltaik 2025 laut Swissolar bereits rund 14 Prozent.
Das zeigt, wie unterschiedlich sich die beiden Technologien entwickelt haben.
Doch Solarenergie besitzt für die Schweiz einen Nachteil: Sie produziert besonders viel Strom im Sommer. Und genau hier wird Windkraft plötzlich interessant.
Zwei Drittel des Windstroms entstehen im Winter
Windenergie hat in der Schweiz eine Eigenschaft, die für die Stromversorgung besonders wertvoll ist: Rund zwei Drittel der Produktion fallen im Winterhalbjahr an.
Das ist beinahe das Gegenstück zur Solarenergie. Im Sommer gibt es viel Sonne und viel Wasserkraft. Im Winter sinkt die Solarproduktion deutlich, während der Strombedarf gleichzeitig hoch bleibt. Die Schweiz ist deshalb im Winter stärker auf andere Produktionsformen und Stromimporte angewiesen.
Windkraft könnte einen Teil dieser Lücke füllen. Nicht weil sie insgesamt mehr Strom produziert als Solar- oder Wasserkraft. Sondern weil sie einen grossen Teil ihrer Energie zum richtigen Zeitpunkt liefert.
Österreich zeigt, wie gross der Unterschied ist
Wie wenig Windkraft die Schweiz bisher nutzt, zeigt der Vergleich mit dem Nachbarland Österreich. Beide Länder besitzen Alpen, Wasserkraft und anspruchsvolle Landschaften.
Trotzdem produzierte Österreich bereits 2023 rund 9 TWh Windstrom. Die Schweiz kam im selben Jahr lediglich auf ungefähr 0,2 TWh. Österreich produzierte damit grob 45-mal so viel Windstrom wie die Schweiz.
Der Unterschied lässt sich also nicht allein mit den Alpen erklären. Politische Rahmenbedingungen, verfügbare Flächen, Planung und der historische Ausbau spielen ebenfalls eine entscheidende Rolle.
Jetzt versucht die Schweiz, schneller zu werden
Der Bund hat das Problem inzwischen erkannt. In den vergangenen Jahren wurden mehrere gesetzliche Änderungen beschlossen, um grosse Projekte schneller realisieren zu können.
Besonders wichtig ist der sogenannte Beschleunigungserlass. Für grosse Wind- und Solaranlagen von nationalem Interesse werden verschiedene kantonale und kommunale Bewilligungen stärker in einem konzentrierten Verfahren zusammengeführt. Auch die Rechtsmittelwege werden verkürzt. Ein grosser Teil dieser neuen Regeln trat am 1. April 2026 in Kraft.
Ob dadurch tatsächlich deutlich mehr Windparks entstehen, wird sich allerdings erst in den kommenden Jahren zeigen. Denn auch schnellere Verfahren lösen den grundlegenden Konflikt nicht: Windräder brauchen Platz - und in der Schweiz konkurriert fast jeder geeignete Standort mit anderen Interessen.
Fazit
Es gibt nicht den einen Grund.
Die Schweiz besitzt durchaus geeignete Windstandorte. Doch der Bau grosser Anlagen trifft auf eine ungewöhnliche Kombination: wenig verfügbare Fläche, eine anspruchsvolle Topografie, Landschafts- und Naturschutz, lokale Mitsprache und historisch sehr lange Planungs- und Bewilligungsverfahren.
Gleichzeitig konnte die Schweiz lange auf eine andere erneuerbare Energiequelle setzen: Wasserkraft. Dadurch war der Druck, früh grosse Windparks aufzubauen, geringer als in Ländern ohne vergleichbare Wasserkraftressourcen.
Doch mit dem Umbau des Stromsystems verändert sich diese Rechnung. Solarenergie wächst schnell. Elektroautos und Wärmepumpen erhöhen langfristig den Strombedarf. Und besonders im Winter braucht die Schweiz zusätzliche einheimische Produktion. Ausgerechnet die Energieform, die bisher kaum eine Rolle spielt, könnte deshalb wertvoller werden.
Die Schweiz hat nicht deshalb so wenige Windräder, weil es keinen Wind gibt. Sondern weil es hier besonders schwierig ist, aus Wind tatsächlich ein Kraftwerk zu machen.