Was ist die Zauberformel des Bundesrates?
2 - 2 - 2 - 1. Die Formel steht in keinem Gesetz und in keiner Verfassung. Trotzdem bestimmt sie seit 1959, wer die Schweiz regiert.
8 Min. Lesezeit · 11. Oktober 2026SchweizWissen erklärt, wie die Schweiz funktioniert — wirtschaftlich, politisch, gesellschaftlich.
Mehr erfahren1990 hatte die Schweiz 3021 Gemeinden, heute noch 2110. Hinter den Fusionen steckt ein Paradox: Viele Gemeinden geben ihre Selbstständigkeit auf, um wieder selbstständiger zu werden.
Die Schweiz besteht aus 26 Kantonen. Doch darunter beginnt ein viel kleinteiligeres System: die Gemeinden.
1990 gab es in der Schweiz noch 3'021 politische Gemeinden. Heute sind es nur noch 2'110. Innerhalb von gut 35 Jahren ist damit fast jede dritte Gemeinde als eigenständige politische Einheit verschwunden. Der Hauptgrund sind Gemeindefusionen.
Dabei verschwinden die Dörfer natürlich nicht. Die Häuser bleiben. Die Ortsnamen bleiben häufig. Die Vereine bleiben. Aber aus zwei, fünf oder manchmal sogar mehr als zwanzig eigenständigen Gemeinden wird politisch und administrativ eine einzige.
Warum macht die Schweiz das ausgerechnet in einer Zeit, in der lokale Selbstbestimmung eigentlich so wichtig ist?
Die Antwort ist überraschend: Manche kleinen Gemeinden fusionieren gerade deshalb, weil sie ihre kommunale Selbstständigkeit langfristig erhalten wollen.
Der Rückgang lässt sich ziemlich deutlich beobachten:
• 1990: 3'021 Gemeinden
• 2000: 2'899 Gemeinden
• 2010: 2'596 Gemeinden
• 2020: 2'202 Gemeinden
• 2026: 2'110 Gemeinden
Allein zwischen 2000 und 2010 sank die Zahl um mehr als 300 Gemeinden. Seit 1990 beträgt der Rückgang insgesamt rund 30 %.
Auch 2026 setzte sich die Entwicklung fort. Zu Jahresbeginn zählte die Schweiz fünf Gemeinden weniger als Ende 2025, wiederum aufgrund von Fusionen.
Die Entwicklung verläuft allerdings nicht überall gleich. In einigen Kantonen haben sich die Gemeindegrenzen über Jahrzehnte kaum verändert. Andere haben ihre Gemeindelandschaft regelrecht umgebaut. Und genau das hat mit dem Schweizer Föderalismus zu tun.
Eine Gemeinde mit einigen hundert Einwohnern klingt zunächst überschaubar. Doch auch eine kleine Gemeinde muss eine funktionierende Verwaltung organisieren. Je nach Kanton ist sie unter anderem an Aufgaben beteiligt wie:
• Einwohnerdienste
• Finanzen und Steuern
• Bauwesen und Raumplanung
• Wasserversorgung und Abwasser
• Feuerwehr und Bevölkerungsschutz
• Schule
• Sozialwesen
• Strassen und Infrastruktur
Die Anforderungen sind in den vergangenen Jahrzehnten gleichzeitig komplexer geworden. Gesetze müssen umgesetzt werden, Finanzen professionell geführt, IT-Systeme betrieben und steigende Datenschutz- und Sicherheitsanforderungen erfüllt werden. Die Raumplanung wird komplexer, und für viele Funktionen braucht es spezialisiertes Personal.
Genau hier geraten kleine Gemeinden teilweise an Grenzen. Das Kompetenzzentrum für Public Management der Universität Bern nennt als zentrale Herausforderungen unter anderem die zunehmende Komplexität kommunaler Aufgaben, den Effizienzdruck und Schwierigkeiten, genügend Personen für kommunale Behörden zu finden.
Das traditionelle Schweizer Milizsystem stösst damit teilweise auf ein sehr praktisches Problem: Eine Gemeinde kann politisch selbstständig sein und trotzdem kaum noch genügend Leute finden, die all ihre Aufgaben professionell erledigen können.
Bevor Gemeinden fusionieren, wählen sie häufig einen anderen Weg: Sie arbeiten zusammen.
Eine Gemeinde betreibt beispielsweise die Feuerwehr gemeinsam mit Nachbargemeinden. Eine andere organisiert die Spitex regional. Weitere teilen sich Sozialdienste, Schulen, Abwasseranlagen oder andere Einrichtungen. Eine schweizweite Gemeindeerhebung zeigte, dass interkommunale Zusammenarbeit besonders bei Spitex, Feuerwehren sowie Alters- und Pflegeheimen stark verbreitet ist.
Im Kanton Zürich kommt der Regierungsrat deshalb zu einer bemerkenswerten Feststellung: Die Vorstellung einer Gemeinde, die sämtliche Aufgaben vollkommen eigenständig erledigt, entspricht vielerorts kaum noch der Realität. Zahlreiche Gemeinden können ihre Aufgaben nur gemeinsam mit anderen erfüllen.
Das funktioniert. Aber es schafft ein neues Problem. Je mehr Aufgaben an Zweckverbände, gemeinsame Organisationen oder Nachbargemeinden übertragen werden, desto komplizierter wird das System. Eine Gemeinde bleibt auf dem Papier selbstständig, entscheidet aber über immer weniger Aufgaben tatsächlich allein.
Genau deshalb kann eine Fusion paradoxerweise sogar mehr kommunale Handlungsfähigkeit schaffen. Statt fünf Gemeinden mit gemeinsamen Verbänden gibt es danach eine grössere Gemeinde mit einer Verwaltung, einem Budget und einer politischen Führung.
Der offensichtlichste Grund für eine Fusion scheint finanziell zu sein:
• statt drei Gemeindeverwaltungen braucht es nur noch eine
• statt drei Finanzabteilungen möglicherweise eine gemeinsame
• IT-Systeme können zusammengeführt werden
• Behörden werden kleiner
• Einkäufe können gemeinsam erfolgen
Das klingt nach grossen Einsparungen. Doch so eindeutig ist die Forschung nicht. Eine Untersuchung der Universität Bern kommt zum Ergebnis, dass Gemeindefusionen tendenziell zu einer Professionalisierung der Verwaltung und einer höheren Qualität bei der Leistungserbringung führen können. Bei den finanziellen Auswirkungen ist das Bild dagegen uneinheitlich.
Eine Fusion bedeutet also nicht automatisch, dass eine Gemeinde danach deutlich billiger funktioniert. Es entstehen zunächst sogar Kosten:
• Verwaltungen müssen zusammengeführt werden
• Reglemente werden vereinheitlicht
• IT-Systeme müssen migriert werden
• Löhne und Arbeitsbedingungen müssen angepasst werden
• Gemeindeliegenschaften, Schulstrukturen und Dienstleistungen müssen neu organisiert werden
Der wirtschaftliche Vorteil einer Fusion liegt deshalb häufig weniger in einem spektakulären Spareffekt als in der Frage, ob eine grössere Gemeinde ihre Aufgaben langfristig professioneller und stabiler erfüllen kann.
Ein wichtiger Punkt geht bei der Diskussion oft unter: Die Schweiz besitzt keine einheitliche nationale Gemeindestruktur. Artikel 50 der Bundesverfassung garantiert die Gemeindeautonomie ausdrücklich nur nach Massgabe des kantonalen Rechts. Wie Gemeinden organisiert sind und wie Fusionen funktionieren, wird deshalb hauptsächlich von den Kantonen bestimmt.
Und manche Kantone fördern Zusammenschlüsse aktiv. Sie bieten:
• finanzielle Beiträge
• Beratung
• Projektunterstützung
• Hilfe bei der Neuorganisation
Im Kanton Zürich sind kantonale Beiträge an Gemeindefusionen beispielsweise ausdrücklich gesetzlich geregelt. Gemeinden können bereits vor einer Fusion berechnen, mit welchen Beiträgen sie ungefähr rechnen können.
Das hat einen Grund. Auch für den Kanton kann es einfacher sein, mit einer leistungsfähigen Gemeinde zusammenzuarbeiten als mit mehreren sehr kleinen Verwaltungen.
Die Fusionswellen unterscheiden sich deshalb stark von Kanton zu Kanton. Während einige Kantone ihre Gemeindegrenzen kaum verändert haben, wurde andernorts innerhalb weniger Jahre ein grosser Teil der politischen Landkarte neu gezeichnet.
Kaum ein Kanton zeigt diese Entwicklung so deutlich wie Graubünden. Mitte der 2000er-Jahre bestand der Kanton noch aus mehr als 200 Gemeinden. Seit dem 1. Januar 2025 sind es noch 100. Die Zahl hat sich damit innerhalb von weniger als zwanzig Jahren mehr als halbiert.
Dabei entstanden teilweise enorme neue Gemeinden. Ein bekanntes Beispiel ist Arosa. 2013 schlossen sich Arosa, Calfreisen, Castiel, Langwies, Lüen, Molinis, Peist und St. Peter-Pagig zusammen. Andere Fusionen schufen Gemeinden wie Lumnezia, Valsot oder Bregaglia.
Graubünden zeigt aber gleichzeitig noch etwas anderes: Eine Fusionswelle läuft nicht unbegrenzt weiter. Die Bündner Regierung stellte bereits 2023 fest, dass die starke Dynamik nachgelassen habe. Viele jener Gemeinden, bei denen der Handlungsdruck besonders gross gewesen sei, hätten inzwischen bereits fusioniert.
Es wäre deshalb falsch zu behaupten, dass die Zahl der Fusionen schweizweit jedes Jahr schneller steigt. Richtiger ist: Seit den 1990er-Jahren erlebt die Schweiz eine langfristige Fusionsbewegung, die je nach Kanton sehr unterschiedlich stark ausgeprägt ist.
Das extremste Beispiel der Schweiz liegt allerdings nicht in Graubünden, sondern im Kanton Glarus.
Bis Ende 2010 bestanden dort 25 Ortsgemeinden. Dann geschah etwas, das es in dieser Grössenordnung in der Schweiz noch nie gegeben hatte. Die Landsgemeinde hatte 2006 beschlossen, die gesamte kommunale Struktur des Kantons umzubauen.
Am 1. Januar 2011 wurden aus den 25 Gemeinden nur noch drei:
• Glarus Nord
• Glarus
• Glarus Süd
Gleichzeitig wurden auch Schulgemeinden, Fürsorgegemeinden und Tagwen in die neue Struktur integriert. Aus mehreren Dutzend kommunalen Körperschaften entstanden drei grosse Einheitsgemeinden.
Interessant ist dabei: Die Regierung hatte ursprünglich zehn Gemeinden vorgeschlagen. Die Landsgemeinde ging selbst weiter und beschloss drei.
Damit zeigt Glarus besonders deutlich, wie weit die Kantone ihre Gemeindestrukturen verändern können. Heute besteht ein ganzer Kanton mit rund 40'000 Einwohnern aus nur drei politischen Gemeinden.
So logisch Zusammenschlüsse aus Verwaltungssicht manchmal erscheinen, politisch sind sie häufig emotional. Denn eine Gemeinde ist nicht nur eine Verwaltungseinheit. Sie ist für viele Menschen Teil ihrer Identität:
• ein eigenes Wappen
• ein Gemeinderat
• eine Gemeindeversammlung
• ein Steuerfuss
• eine Schule
• ein Name
• eine Geschichte
Bei einer Fusion können genau diese Dinge verändert werden. Hinzu kommen sehr praktische Konflikte:
• Welche Verwaltung bleibt bestehen?
• Wo befindet sich der neue Hauptsitz?
• Wie hoch wird der gemeinsame Steuerfuss?
• Welche Schule wird ausgebaut?
• Wie viele Sitze erhält ein ehemaliges Dorf in der neuen Politik?
• Fühlt sich eine kleine Gemeinde nach der Fusion von einer grösseren Nachbargemeinde dominiert?
Der Kanton Zürich nennt unterschiedliche politische Identitäten, Grössenverhältnisse, Entwicklungsperspektiven und Steuerfüsse ausdrücklich als mögliche Vorbehalte gegen Fusionen. Deshalb scheitern Fusionsprojekte auch immer wieder an der Urne.
Eine grössere Verwaltung kann effizienter oder professioneller sein. Aber sie bedeutet gleichzeitig: Die politische Entscheidungsebene rückt ein Stück weiter vom einzelnen Dorf weg.
Normalerweise nicht. Das ist ein wichtiger Unterschied. Eine politische Gemeinde ist eine staatliche Einheit. Ein Dorf oder eine Ortschaft ist ein geografischer und gesellschaftlicher Ort.
Fusioniert ein Dorf mit mehreren Nachbarn, kann sein Ortsname weiterhin bestehen. Auch Vereine, lokale Traditionen, Kirchen oder Dorffeste verschwinden nicht automatisch.
Politisch verändert sich aber einiges. Die ehemalige Gemeinde besitzt keinen eigenen Gemeinderat und kein eigenes Gemeindebudget mehr. Auch der offizielle Heimatort kann sich verändern. Der Kanton Zürich weist beispielsweise darauf hin, dass Bürgerinnen und Bürger einer aufgehobenen Gemeinde bei einer Fusion automatisch das Bürgerrecht der neuen Gemeinde erhalten.
Eine Fusion löscht einen Ort also nicht von der Karte. Aber sie verändert, wo politische Entscheidungen getroffen werden.
Gemeinden bleiben ein zentraler Teil des Schweizer Staatsaufbaus. Aber die politische Landkarte wird sich weiter verändern.
Das Bundesamt für Statistik führt bereits weitere beschlossene oder genehmigte Zusammenschlüsse für 2027. So fusionieren beispielsweise L'Abbaye, Le Chenit und Le Lieu zur neuen Waadtländer Gemeinde La Vallée de Joux. Im Wallis bilden Bellwald, Fiesch und Lax die neue Gemeinde Unnergoms. Auch in Bern, Luzern und weiteren Kantonen sind bereits Veränderungen beschlossen oder genehmigt.
Die Schweiz wird deshalb wahrscheinlich weiterhin weniger Gemeinden haben. Aber der eigentliche Grund dafür ist nicht ein zentralistischer Wunsch nach immer grösseren Einheiten.
Häufig passiert eher das Gegenteil. Kleine Gemeinden stellen fest, dass sie allein immer mehr Aufgaben an andere Organisationen abgeben müssen. Eine Fusion kann dann der Versuch sein, wieder eine Gemeinde zu schaffen, die genügend Personal, finanzielle Mittel und Fachwissen besitzt, um möglichst viele Aufgaben selbstständig zu erledigen.
Genau darin liegt das scheinbare Paradox der Schweizer Gemeindefusionen: Manche Gemeinden geben ihre bisherige Selbstständigkeit auf, damit die neue Gemeinde langfristig wieder selbstständiger handeln kann.
Und deshalb wird die Schweiz zwar nicht weniger föderalistisch. Ihre kleinste politische Ebene wird aber vielerorts deutlich grösser.
[1] Bundesamt für Statistik. (2026). Die 2110 Gemeinden der Schweiz am 1.1.2026. BFS, Neuchâtel.
[2] Bundesamt für Statistik. (2026). Amtliches Gemeindeverzeichnis der Schweiz. BFS, Neuchâtel.
[3] Bundesamt für Statistik. (2026). Historisiertes Gemeindeverzeichnis der Schweiz - Entwicklung der Anzahl Gemeinden seit 1990. BFS, Neuchâtel.
[4] Schweizerischer Gemeindeverband. (2026). Aktualisierte Gemeindestatistik für das Jahr 2026. SGV, Bern.
[5] Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April 1999, SR 101, Art. 50.
[6] Universität Bern, Kompetenzzentrum für Public Management. (o. D.). Forschung zu Gemeindefusionen und Gemeindestrukturen in der Schweiz. Universität Bern.
[7] Kanton Zürich. (2025). Gemeindefusionen - finanzielle Unterstützung und Entwicklung der Gemeindelandschaft. Gemeindeamt des Kantons Zürich.
[8] Regierung des Kantons Graubünden. (2023). Botschaft an den Grossen Rat: Zweiter Gemeindestrukturbericht. Kanton Graubünden, Chur.
[9] Kanton Graubünden, Amt für Gemeinden. (2024). Ab 2025 bestehen noch 100 Gemeinden in Graubünden. Kanton Graubünden, Chur.
[10] Kanton Glarus. (2011). Gemeindestrukturreform GL2011. Kanton Glarus, Glarus.
Ein bis zwei Mal pro Monat eine kurze Übersicht der neuen Beiträge.
Keine Werbung, jederzeit abbestellbar.
2 - 2 - 2 - 1. Die Formel steht in keinem Gesetz und in keiner Verfassung. Trotzdem bestimmt sie seit 1959, wer die Schweiz regiert.
8 Min. Lesezeit · 11. Oktober 2026Deutschland, Frankreich und die USA haben einen Präsidenten an der Spitze. Die Schweiz hat sieben Gleichberechtigte - und einen Titel, der womöglich in die Irre führt.
8 Min. Lesezeit · 9. September 2026
Politik & StaatSieben Personen. Gleiche Macht. Kein Regierungschef. Der Bundesrat ist eines der ungewöhnlichsten Regierungssysteme der Welt.
9 Min. Lesezeit · 17. August 2026