2 - 2 - 2 - 1. Die Formel steht in keinem Gesetz und in keiner Verfassung. Trotzdem bestimmt sie seit 1959, wer die Schweiz regiert.
Sieben Bundesratssitze. Vier grosse Parteien. Und seit Jahrzehnten eine politische Formel: 2 - 2 - 2 - 1.
Aktuell bedeutet das:
- 2 Sitze für die SVP
- 2 Sitze für die SP
- 2 Sitze für die FDP
- 1 Sitz für Die Mitte
Diese Verteilung nennt man die Zauberformel. Das Überraschende daran: Sie steht in keinem Gesetz und in keiner Verfassung. Trotzdem bestimmt sie seit Jahrzehnten massgeblich, welche Parteien in der Schweizer Regierung vertreten sind.
Gerade 2026 wird das wieder aktuell. Bundespräsident Guy Parmelin hat am 2. Oktober seinen Rücktritt eingereicht, sein letzter Amtstag ist der 31. Dezember 2026. Damit wird ein Regierungssitz frei. Politisch gilt es als sehr wahrscheinlich, dass dieser Sitz bei der SVP bleibt, weil ihr nach der heutigen Zauberformel zwei Bundesratssitze zustehen. Wer ihn tatsächlich erhält, entscheidet aber das Parlament in der Wintersession im Dezember 2026.
Wie kann eine ungeschriebene Regel so mächtig sein?
Was bedeutet 2 - 2 - 2 - 1 überhaupt?
Der Bundesrat besteht aus sieben Personen. Da sieben Sitze nicht gleichmässig auf vier grosse Parteien verteilt werden können, hat sich eine ungefähre Verteilung nach politischer Stärke etabliert.
Die aktuellen Bundesratsparteien erreichten bei den Nationalratswahlen 2023 folgende Wähleranteile:
- SVP: 27,9 % bei 2 Bundesratssitzen
- SP: 18,3 % bei 2 Sitzen
- FDP: 14,3 % bei 2 Sitzen
- Die Mitte: 14,1 % bei 1 Sitz
Die Grünen kamen auf 9,8 %, die GLP auf 7,6 %, haben aber keinen Sitz im Bundesrat.
Daran erkennt man bereits etwas Wichtiges: Die Zauberformel ist keine mathematisch exakte Verhältniswahl. Die FDP erhält mit 14,3 % zwei Sitze, Die Mitte mit 14,1 % nur einen.
Die Formel versucht vielmehr, die wichtigsten politischen Kräfte dauerhaft in die Regierung einzubinden. Und genau darum geht es im Kern.
Die Schweiz hat keine klassische Regierung gegen Opposition
In vielen Ländern funktioniert Politik nach einem relativ klaren Prinzip: Eine Partei oder Koalition gewinnt die Wahl, sie bildet die Regierung, die anderen Parteien gehen in die Opposition.
In der Schweiz ist das anders. Die grössten Parteien von links bis rechts sitzen gleichzeitig im Bundesrat, beispielsweise SP und SVP. Parteien also, die sich bei Abstimmungen teilweise fundamental widersprechen.
Das nennt man Konkordanz. Die Regierung soll möglichst viele grosse politische Strömungen einbinden, anstatt eine knappe Mehrheit gegen eine grosse Opposition regieren zu lassen.
Das passt besonders gut zur direkten Demokratie. Denn selbst wenn Regierung und Parlament ein Gesetz beschliessen, kann dagegen das Referendum ergriffen werden. Eine grosse politische Kraft ausserhalb der Regierung könnte deshalb immer wieder versuchen, Regierungsprojekte an der Urne zu stoppen.
Die Zauberformel soll helfen, wichtige politische Lager bereits innerhalb der Regierung einzubinden und Kompromisse zu fördern. Die vier Bundesratsparteien treffen sich deshalb beispielsweise regelmässig mit dem Bundesrat zu politischen Gesprächen.
Das bedeutet allerdings nicht, dass die vier Parteien eine klassische Koalition bilden. Es gibt keinen Koalitionsvertrag wie beispielsweise in Deutschland. Eine Regierungspartei kann eine Vorlage des Bundesrates öffentlich bekämpfen und sogar ein Referendum unterstützen.
Die einzelnen Bundesratsmitglieder müssen Entscheidungen des Gesamtbundesrates nach dem Kollegialprinzip zwar gemeinsam vertreten. Ihre Parteien bleiben aber politisch selbstständig. Die Schweiz kennt deshalb Regierungsparteien, die gleichzeitig Opposition gegen einzelne Regierungsentscheide machen können.
1959 entstand die eigentliche Zauberformel
Die Schweiz hatte diese Regierungsform nicht von Anfang an. 1848 bestand der erste Bundesrat aus sieben Freisinnigen. Der Freisinn dominierte die Regierung jahrzehntelang. Erst nach und nach wurden weitere politische Kräfte eingebunden.
1891 kam erstmals ein Katholisch-Konservativer in den Bundesrat. 1919 erhielt diese politische Richtung einen zweiten Sitz. 1929 folgte erstmals ein Vertreter der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei, der Vorgängerin der heutigen SVP. 1943 wurde mit Ernst Nobs der erste Sozialdemokrat Bundesrat.
Der entscheidende Moment kam aber am 17. Dezember 1959. Damals waren gleich vier Bundesratssitze neu zu besetzen. Das Parlament stellte die Regierung grundlegend neu zusammen. Von nun an galt:
- 2 Sitze für die FDP
- 2 Sitze für die CVP
- 2 Sitze für die SP
- 1 Sitz für die BGB
Die BGB ging später in der SVP auf, aus der CVP wurde 2021 zusammen mit der BDP die heutige Mitte.
Zum ersten Mal waren die grossen politischen Lager damit ungefähr entsprechend ihrer damaligen Stärke in der Regierung vertreten. Diese Verteilung erhielt den Namen Zauberformel. Und sie erwies sich als erstaunlich stabil: 44 Jahre lang blieb die Parteiverteilung des Bundesrates unverändert.
2003 zeigte sich, dass die Formel nicht in Stein gemeisselt ist
Politische Kräfteverhältnisse verändern sich. Besonders stark wuchs ab den 1990er-Jahren die SVP. Bei den Nationalratswahlen 2003 wurde sie mit 26,3 % klar stärkste Partei. Die CVP kam nur noch auf 14,5 %.
Die SVP argumentierte deshalb: Eine Partei mit mehr als einem Viertel der Stimmen könne nicht weiterhin nur einen Bundesratssitz besitzen, während die deutlich kleinere CVP zwei habe.
Bei den Bundesratswahlen im Dezember 2003 geschah etwas in der Schweiz äusserst Seltenes. Die amtierende CVP-Bundesrätin Ruth Metzler wurde nicht wiedergewählt. Ihr Sitz ging an Christoph Blocher von der SVP.
Die ursprüngliche Zauberformel war damit nach 44 Jahren Geschichte. Die Zahlen blieben allerdings gleich, 2 - 2 - 2 - 1, nur die Parteien dahinter änderten sich:
- 2 Sitze für die SVP
- 2 Sitze für die SP
- 2 Sitze für die FDP
- 1 Sitz für die CVP
Damit wurde die Zauberformel an die neuen politischen Kräfteverhältnisse angepasst.
Doch nur vier Jahre später kam der nächste politische Paukenschlag. 2007 verweigerte das Parlament Christoph Blocher die Wiederwahl und wählte stattdessen Eveline Widmer-Schlumpf. Sie gehörte zunächst ebenfalls der SVP an, wechselte später aber zusammen mit Samuel Schmid zur neu gegründeten BDP. Zeitweise war die stärkste Partei der Schweiz dadurch sogar überhaupt nicht mehr im Bundesrat vertreten.
Erst mit der Wahl von Ueli Maurer 2008 kehrte die SVP zurück. 2015 wurde nach dem Rücktritt von Eveline Widmer-Schlumpf schliesslich Guy Parmelin gewählt. Seitdem gilt wieder die heute bekannte Verteilung: 2 SVP, 2 SP, 2 FDP, 1 Mitte.
Niemand hat rechtlich Anspruch auf einen Bundesratssitz
Das ist wahrscheinlich der wichtigste Punkt: Die Zauberformel ist keine gesetzliche Vorschrift.
In Artikel 175 der Bundesverfassung steht lediglich, dass der Bundesrat aus sieben Mitgliedern besteht und vom Parlament gewählt wird. Bei der Zusammensetzung soll darauf Rücksicht genommen werden, dass Landesgegenden und Sprachregionen angemessen vertreten sind. Eine Regel wie "Die drei stärksten Parteien erhalten zwei Sitze und die viertstärkste einen" steht dort nicht.
Auch eine Partei besitzt rechtlich keinen Bundesratssitz. Wenn im Dezember 2026 die Nachfolge von Guy Parmelin gewählt wird, kann die SVP Kandidatinnen und Kandidaten nominieren. Die Vereinigte Bundesversammlung ist jedoch nicht verpflichtet, eine dieser Personen zu wählen. Rein rechtlich könnte das Parlament sogar eine andere wählbare Schweizer Bürgerin oder einen anderen wählbaren Schweizer Bürger bestimmen. Politisch wäre eine solche Wahl gegen den Anspruch einer grossen Partei allerdings aussergewöhnlich.
Genau das macht die Zauberformel so interessant: Sie funktioniert vor allem deshalb, weil sich die politischen Parteien freiwillig weitgehend an sie halten. Das Parlament kann sie jederzeit verändern. Und manchmal tut es das auch.
Warum sitzen die Grünen dann nicht im Bundesrat?
Hier zeigt sich besonders deutlich, dass die Zauberformel keine mathematisch exakte Regel ist.
Die Schweizer Parteienlandschaft ist heute stärker fragmentiert als 1959. Damals vereinten die vier Parteien der Zauberformel zusammen rund 85 % der Wählerstimmen. Nach den Wahlen 2023 kommen die heutigen vier Bundesratsparteien zusammen nur noch auf 74,6 %. Laut einem Parlamentsbericht ist das der tiefste Wert seit Einführung der Konkordanz.
Vor allem die Grünen haben deshalb mehrfach einen Bundesratssitz verlangt. Nach ihrem starken Wahlergebnis 2019 trat Grünen-Präsidentin Regula Rytz gegen FDP-Bundesrat Ignazio Cassis an. Cassis wurde mit 145 Stimmen wiedergewählt, Rytz erhielt 82 Stimmen.
2023 versuchten es die Grünen erneut. Diesmal kandidierte Nationalrat Gerhard Andrey gegen Cassis. Cassis erhielt 167 Stimmen, Andrey 59. Der Angriff scheiterte erneut deutlich.
Das Argument der Grünen: Die FDP sei mit zwei Sitzen übervertreten, während fast jeder zehnte Wähler grün stimme und die Partei trotzdem keinen einzigen Regierungssitz besitze.
Die Gegenargumentation lautet: Die Zauberformel soll nicht nach jeder kleinen Verschiebung bei einer Wahl verändert werden. Stabilität und Kontinuität gehören ebenfalls zur Konkordanz.
Genau deshalb gibt es keine allgemein akzeptierte mathematische Formel, nach der sich automatisch bestimmen liesse, wann eine Partei einen Sitz erhält oder verliert. Die Zauberformel ist am Ende immer auch eine politische Interpretation der Kräfteverhältnisse.
Warum nennt man das überhaupt Zauberformel?
Mit Magie hat die Zauberformel eigentlich wenig zu tun. Das Zauberhafte liegt eher darin, dass ein mathematisch sehr einfacher Schlüssel ein ziemlich schwieriges politisches Problem lösen soll: Wie bringt man Parteien, die sich teilweise fundamental widersprechen, gemeinsam in eine Regierung?
Die Antwort der Schweiz lautet seit 1959: Man verteilt die sieben Sitze ungefähr nach politischer Stärke. Dann zwingt man diese sehr unterschiedlichen Regierungsmitglieder durch das Kollegialprinzip dazu, gemeinsame Entscheidungen zu treffen.
Das Ergebnis ist kein System ohne Streit. Im Gegenteil. SVP, SP, FDP und Mitte kämpfen im Parlament und bei Volksabstimmungen regelmässig gegeneinander. Aber sie sitzen gleichzeitig gemeinsam am Tisch des Bundesrates.
Das sorgt für eine aussergewöhnliche Kontinuität. Regierungen werden nach Wahlen nicht vollständig ausgetauscht. Ein Machtwechsel bei einer einzelnen Wahl verändert nicht sofort die gesamte Exekutive. Und selbst starke politische Gegensätze müssen innerhalb der Regierung immer wieder in Kompromisse übersetzt werden.
Fazit
Genau darin liegt die eigentliche Idee hinter der Zauberformel: Nicht die stärkste Partei soll allein regieren. Die wichtigsten politischen Kräfte sollen gemeinsam Verantwortung übernehmen.
Und vielleicht ist genau das der Zauber: eine Regierung aus Parteien, die sich regelmässig bekämpfen und trotzdem gemeinsam regieren.