SchweizWissen Redaktion·2. August 2026·9 Min. Lesezeit
Nachts allein nach Hause laufen. Mit dem Zug durch eine Grossstadt fahren. Das Fahrrad vor einem Geschäft abstellen.
Für viele Menschen in der Schweiz sind solche Dinge selbstverständlich. International ist das keineswegs überall so.
Im Global Peace Index 2026 liegt die Schweiz auf Platz 3 von 163 untersuchten Staaten, hinter Island und Neuseeland. Auch beim persönlichen Sicherheitsgefühl gehört sie zur Spitzengruppe: Laut Gallup sagen 88 Prozent der Menschen in der Schweiz, dass sie sich sicher fühlen, wenn sie nachts allein in ihrer Wohngegend unterwegs sind.
Doch warum eigentlich?
Die Antwort lautet nicht einfach "weil es wenig Kriminalität gibt". Hinter der hohen Sicherheit steckt vielmehr eine Kombination aus niedriger Gewaltkriminalität, stabilen Institutionen, hohem Vertrauen, politischer Stabilität und vergleichsweise funktionierenden gesellschaftlichen Strukturen.
Und selbst die Schweiz ist dabei längst nicht so sicher, wie manche Rankings auf den ersten Blick vermuten lassen.
Institute for Economics & Peace, Global Peace Index 2026: Identifying and measuring the factors that drive peace (Sydney: Institute for Economics & Peace, 2026), S. 9.
Was bedeutet überhaupt "eines der sichersten Länder"?
Sicherheit lässt sich nicht mit einer einzigen Zahl messen. Der Global Peace Index untersucht beispielsweise 23 verschiedene Indikatoren aus drei Bereichen: gesellschaftliche Sicherheit, laufende nationale und internationale Konflikte sowie Militarisierung.
Die Schweiz profitiert also nicht nur von geringer Gewaltkriminalität. Sie hat auch keine bewaffneten Konflikte im eigenen Land, besitzt stabile politische Institutionen und ist vergleichsweise wenig in internationale militärische Konflikte verwickelt. 2026 erreichte sie deshalb Rang 3 weltweit.
Das bedeutet allerdings nicht automatisch, dass sie in jeder einzelnen Sicherheitsstatistik auf Platz 3 liegt. Für die Frage, wie sicher sich der Alltag tatsächlich anfühlt, sind andere Zahlen fast interessanter.
88 Prozent fühlen sich nachts allein sicher
Das Meinungsforschungsinstitut Gallup stellt Menschen weltweit regelmässig eine sehr einfache Frage: Fühlen Sie sich sicher, wenn Sie nachts allein in Ihrer Wohngegend unterwegs sind?
In der Schweiz beantworteten diese Frage zuletzt 88 Prozent mit Ja. Damit gehörte die Schweiz zu den Ländern mit dem höchsten subjektiven Sicherheitsgefühl weltweit.
Das ist bemerkenswert. Denn dieses Sicherheitsgefühl entsteht nicht durch internationale Neutralität oder ein gutes Ranking auf dem Papier. Es beschreibt eine ziemlich konkrete Alltagserfahrung: Menschen erwarten mehrheitlich, dass sie sich im öffentlichen Raum bewegen können, ohne Opfer schwerer Gewalt zu werden.
Und genau das spiegelt sich auch in den Kriminalitätszahlen wider.
Tötungsdelikte sind vergleichsweise selten
2025 registrierte die Schweizer Polizei 55 vollendete Tötungsdelikte. Die Zahl war damit zwar höher als im Vorjahr, bleibt gemessen an einer Bevölkerung von rund neun Millionen Menschen aber niedrig.
Auch internationale Daten zeigen dieses Muster. Für 2023 weist die auf UN-Daten basierende Statistik der Weltbank für die Schweiz eine Rate von rund 0,6 vorsätzlichen Tötungsdelikten pro 100'000 Einwohner aus. Der weltweite Durchschnitt lag ungefähr bei 5 pro 100'000 Einwohner.
Natürlich sagt die Tötungsrate nicht alles über Kriminalität aus. Aber sie besitzt einen Vorteil: Schwere Tötungsdelikte werden international vergleichsweise zuverlässig erfasst und eignen sich deshalb besser für Ländervergleiche als beispielsweise Diebstähle, deren Anzeigeverhalten stark variieren kann.
Schwere tödliche Gewalt ist in der Schweiz im internationalen Vergleich also selten.
Sicher bedeutet aber nicht kriminalitätsfrei
Genau hier ist eine wichtige Einordnung nötig.
2025 registrierte die Polizei insgesamt 554'963 Straftaten nach dem Strafgesetzbuch. Zwar sank deren Zahl gegenüber 2024 um 1,5 Prozent. Bei schweren Gewaltstraftaten verlief die Entwicklung jedoch in die andere Richtung: Sie nahmen um 8,1 Prozent auf 2'654 registrierte Delikte zu.
Auch Einbrüche bleiben ein reales Problem. 2025 wurden rund 46'600 Einbruch- und Einschleichdiebstähle registriert, durchschnittlich etwa 128 pro Tag.
Die Aussage "Die Schweiz ist sehr sicher" bedeutet deshalb nicht, dass hier kaum Kriminalität passiert. Sie bedeutet: Schwere Gewalt und insbesondere tödliche Gewalt sind im internationalen Vergleich selten, während gleichzeitig ein sehr grosser Teil der Bevölkerung seinen Alltag als sicher wahrnimmt.
Ein Teil der gefährlichsten Gewalt geschieht nicht auf der Strasse
Auch die Vorstellung, Sicherheit bedeute vor allem sichere Bahnhöfe und Strassen, greift zu kurz.
Von den 55 vollendeten Tötungsdelikten des Jahres 2025 ereigneten sich 34 im häuslichen Bereich. Das entspricht 61,8 Prozent.
Damit zeigt sich ein wichtiges Problem: Ein Land kann im öffentlichen Raum sehr sicher sein und trotzdem schwere häusliche Gewalt erleben. Gerade weil die Schweiz international als sicheres Land gilt, darf dieser Unterschied nicht untergehen. Öffentliche Sicherheit und Sicherheit innerhalb der eigenen vier Wände sind nicht dasselbe.
Das Vertrauen in Polizei und Justiz ist hoch
Ein weiterer auffälliger Faktor ist das Vertrauen in staatliche Institutionen. In einer OECD-Befragung von 2025 gaben in der Schweiz 77 Prozent an, der Polizei stark oder eher stark zu vertrauen. 72 Prozent vertrauten den Gerichten, 62 Prozent der Bundesregierung. Das Vertrauen in die meisten staatlichen Institutionen lag damit deutlich über dem OECD-Durchschnitt.
Warum könnte das für Sicherheit relevant sein? Wenn Menschen davon ausgehen, dass Polizei, Gerichte und Behörden grundsätzlich funktionieren, steigt die Bereitschaft, Straftaten zu melden, Regeln einzuhalten und Konflikte über Institutionen statt über private Gewalt auszutragen.
Das bedeutet nicht, dass Vertrauen automatisch geringe Kriminalität verursacht. Aber es gehört zu jenem institutionellen Umfeld, das viele besonders sichere Staaten gemeinsam haben.
Auch Korruption ist Teil dieser Geschichte. Im Corruption Perceptions Index 2025 von Transparency International erreichte die Schweiz 80 von 100 Punkten und lag gemeinsam mit Schweden auf Rang 6 von 182 Staaten.
Ein hoher Rang bedeutet nicht, dass es in der Schweiz keine Korruption gibt. Transparency International kritisiert beispielsweise weiterhin Schwachstellen bei Geldwäscherei und der Aufnahme illegal erworbener Vermögen.
Trotzdem ist Korruption im Alltag staatlicher Institutionen vergleichsweise wenig verbreitet. Wer die Polizei ruft, muss normalerweise niemanden bestechen. Gerichtsurteile werden nicht offen verkauft. Verwaltungsentscheide folgen formellen Verfahren. Eigentumsrechte sind geschützt.
Solche Dinge wirken selbstverständlich, sind es global betrachtet aber nicht. Sicherheit entsteht auch dadurch, dass Regeln vorhersehbar sind und Institutionen tatsächlich funktionieren.
Politische Konflikte werden meistens an der Urne ausgetragen
Hinzu kommt die politische Stabilität. Die Schweiz besitzt eine Besonderheit: Politische Konflikte werden ausgesprochen häufig direkt in institutionelle Verfahren integriert - über Initiativen, Referenden, Gemeindeversammlungen sowie kantonale und nationale Abstimmungen.
Parteien und Interessengruppen können Entscheidungen bekämpfen, ohne dafür das politische System grundsätzlich infrage stellen zu müssen. Wer mit einem Gesetz nicht einverstanden ist, kann beispielsweise versuchen, 50'000 Unterschriften für ein Referendum zu sammeln.
Das garantiert selbstverständlich keine friedliche Gesellschaft. Aber es schafft zusätzliche institutionelle Wege, gesellschaftliche Konflikte auszutragen.
Die Schweiz besitzt gleichzeitig eine lange Tradition relativ stabiler Regierungsstrukturen und friedlicher Machtwechsel. Politische Niederlagen führen normalerweise nicht dazu, dass das gesamte staatliche System zusammenbricht.
Sicherheit braucht auch Vertrauen zwischen Menschen
Nicht nur das Vertrauen in den Staat ist wichtig. Sichere Gesellschaften zeichnen sich häufig auch durch ein relativ hohes Mass an sozialem Vertrauen aus.
Wer davon ausgeht, dass sich die meisten anderen Menschen grundsätzlich an gemeinsame Regeln halten, verhält sich anders als jemand, der ständig mit Betrug, Gewalt oder staatlichem Versagen rechnen muss. Das beeinflusst den Alltag: Man benutzt öffentliche Verkehrsmittel, Kinder bewegen sich vergleichsweise selbstständig, Menschen teilen öffentliche Räume, und Geschäfte funktionieren ohne massive Sicherheitsbarrieren.
Natürlich gibt es auch in der Schweiz Misstrauen und soziale Konflikte. Aber das allgemeine Vertrauen in zentrale Institutionen gehört international weiterhin zu den hohen Werten.
Dadurch entsteht ein interessanter Kreislauf: Funktionierende Institutionen schaffen Vertrauen - und Vertrauen erleichtert wiederum das Funktionieren dieser Institutionen.
Wohlstand hilft, erklärt aber nicht alles
Auch die wirtschaftlichen Bedingungen spielen eine Rolle. Die Schweiz besitzt hohe Einkommen, einen vergleichsweise stabilen Arbeitsmarkt, ein dichtes Bildungssystem, Sozialversicherungen, eine Arbeitslosenversicherung, Sozialhilfe und eine breit ausgebaute öffentliche Infrastruktur.
Solche Strukturen können gesellschaftliche Risiken abfedern. Menschen, die ihre Arbeit verlieren, verlieren nicht automatisch am nächsten Tag jede medizinische Versorgung oder ihre gesamte Existenzgrundlage.
Aber hier ist Vorsicht nötig. Reichtum allein macht ein Land nicht sicher. Es gibt wohlhabende Länder und Städte mit deutlich höherer Gewaltkriminalität. Entscheidend ist eher die Kombination aus Wohlstand, institutioneller Stabilität, Bildung, gesellschaftlichen Normen und funktionierender Strafverfolgung.
Und was ist mit den vielen Waffen?
Hier wird die Schweiz besonders interessant. Sie besitzt aufgrund ihrer Milizarmee und ihrer Schützentradition vergleichsweise viele Feuerwaffen in privaten Haushalten. Der Small Arms Survey schätzte den privaten Bestand 2017 auf rund 27,6 Feuerwaffen pro 100 Einwohner. Die genaue heutige Zahl ist allerdings unbekannt, und solche Schätzungen sind mit Unsicherheiten verbunden.
Trotzdem besitzt die Schweiz keine vergleichbar hohe Tötungsrate wie beispielsweise die USA. Das bedeutet allerdings nicht, dass Waffen für Gewalt keine Rolle spielen. Vielmehr zeigt die Schweiz, dass die Zahl vorhandener Waffen allein die Gewaltrate eines Landes nicht erklären kann.
Waffenbesitz bewegt sich zudem innerhalb eines rechtlichen Rahmens. Für zahlreiche Feuerwaffen ist ein Waffenerwerbsschein erforderlich. Für das Tragen einer Waffe im öffentlichen Raum braucht es grundsätzlich eine Waffentragbewilligung, und bestimmte Waffen sind verboten beziehungsweise nur mit Ausnahmebewilligung erhältlich. Dazu kommen eine andere Waffenkultur, militärische Ausbildung und gesellschaftliche Faktoren.
Die Schweiz ist deshalb ein gutes Beispiel dafür, warum man Gewaltkriminalität nicht mit einer einzigen Variable erklären kann.
Auch die Neutralität spielt eine Rolle, aber anders als oft gedacht
Wenn von Schweizer Sicherheit gesprochen wird, fällt schnell das Wort Neutralität. Und tatsächlich trägt die aussenpolitische Situation zum guten Abschneiden in Friedensrankings bei. Die Schweiz ist seit Generationen nicht Schauplatz eines Krieges und beteiligt sich nicht als Kriegspartei an internationalen bewaffneten Konflikten. Das reduziert bestimmte Sicherheitsrisiken erheblich.
Aber Neutralität erklärt nicht, weshalb jemand nachts in Zürich oder Bern mit vergleichsweise geringem Risiko nach Hause laufen kann. Dafür sind vielmehr die inneren gesellschaftlichen Strukturen entscheidend.
Neutralität erklärt einen Teil der äusseren Sicherheit, nicht automatisch die Sicherheit auf der Strasse.
Es gibt keinen einzelnen Schweizer Sicherheitstrick
Genau das ist wahrscheinlich der wichtigste Punkt. Die Schweiz ist nicht deshalb sicher, weil sie besonders viele Polizisten hätte. Nicht allein wegen ihres Wohlstands. Nicht allein wegen harter Gesetze. Nicht allein wegen der Neutralität. Und auch nicht einfach, weil Schweizerinnen und Schweizer angeblich besonders regelkonform wären.
Die hohe Sicherheit entsteht aus einem Zusammenspiel: geringe tödliche Gewalt, stabile politische Institutionen, hohes Vertrauen in Polizei und Justiz, vergleichsweise geringe Korruption, wirtschaftliche Stabilität, gesellschaftliche Absicherung, friedliche politische Konfliktlösung - und eine über Jahrzehnte gewachsene Erwartung, dass Regeln grundsätzlich eingehalten werden.
Gerade diese Kombination lässt sich nicht von heute auf morgen aufbauen.
Fazit
Die Schweiz gehört 2026 im Global Peace Index zu den drei friedlichsten Ländern der Welt. 88 Prozent der Bevölkerung fühlen sich nachts allein in ihrer Umgebung sicher. Tödliche Gewalt bleibt international betrachtet selten.
Gleichzeitig steigen einzelne Formen schwerer Gewalt, Einbrüche bleiben häufig und ein grosser Teil der tödlichen Gewalt findet innerhalb von Beziehungen und Familien statt. Deshalb wäre es falsch, Sicherheit als selbstverständlich anzusehen.
Vielleicht liegt eine der grössten Schweizer Stärken gerade darin, dass Sicherheit nicht auf einem einzigen Faktor beruht. Sie entsteht aus einem System, in dem politische Stabilität, Vertrauen, Wohlstand, funktionierende Institutionen und vergleichsweise geringe Gewalt gleichzeitig zusammenwirken.
Quellen
[1] Institute for Economics & Peace: Global Peace Index 2026; Schweiz auf Rang 3 von 163 Staaten sowie Methodik mit 23 Indikatoren aus den Bereichen gesellschaftliche Sicherheit, laufende Konflikte und Militarisierung. (economicsandpeace.org)
[2] Bundesamt für Statistik BFS: Polizeiliche Kriminalstatistik 2025; 554'963 registrierte Straftaten nach Strafgesetzbuch, Rückgang um 1,5 Prozent, Zunahme schwerer Gewaltstraftaten um 8,1 Prozent auf 2'654 Delikte, 55 vollendete Tötungsdelikte, davon 34 im häuslichen Bereich, sowie rund 46'600 Einbruch- und Einschleichdiebstähle. (bfs.admin.ch)
[3] Gallup: Global Safety Report; Anteil von 88 Prozent der Befragten in der Schweiz, die sich nachts allein in ihrer Wohngegend sicher fühlen. (gallup.com)
[4] OECD: Survey on Drivers of Trust in Public Institutions 2025, Switzerland; Vertrauen von 77 Prozent in die Polizei, 72 Prozent in die Gerichte und 62 Prozent in die Bundesregierung. (oecd.org)
[5] Weltbank und UNODC: Intentional homicides per 100'000 people; Rate von rund 0,6 für die Schweiz im Jahr 2023 gegenüber einem weltweiten Durchschnitt von rund 5. (data.worldbank.org)
[6] Transparency International: Corruption Perceptions Index 2025; Schweiz mit 80 von 100 Punkten auf Rang 6 von 182 Staaten sowie Kritik an Schwachstellen bei Geldwäscherei. (transparency.org)
[7] Small Arms Survey: Global Firearms Holdings 2017; geschätzter privater Bestand von rund 27,6 Feuerwaffen pro 100 Einwohner in der Schweiz. (smallarmssurvey.org)
[8] fedpol: Schweizer Waffenrecht; Waffenerwerbsschein, Waffentragbewilligung sowie verbotene Waffen und Ausnahmebewilligungen. (fedpol.admin.ch)
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