Wirtschaft & WohlstandDie Schweiz verkaufte 1'550 Tonnen Gold - war das ein Fehler?
Verkauft am Tiefpunkt, danach stieg der Preis jahrzehntelang. Trotzdem ist die Rechnung "Milliarden verloren" ökonomisch falsch.
12 Min. Lesezeit · 26. August 2026SchweizWissen erklärt, wie die Schweiz funktioniert — wirtschaftlich, politisch, gesellschaftlich.
Mehr erfahren65 Millionen Nvidia-Aktien, aber keine einzige von Nestlé. Die Erklärung hat nichts mit dem Silicon Valley zu tun - und alles mit dem starken Franken.
Die Schweizerische Nationalbank besitzt Gold. Das überrascht kaum jemanden. Weniger bekannt ist, dass sie gleichzeitig milliardenschwere Aktienpakete zahlreicher internationaler Unternehmen hält.
Per 30. Juni 2026 hielt die SNB unter anderem rund 65,1 Millionen Aktien von Nvidia, 41,4 Millionen Aktien von Apple und 19,9 Millionen Aktien von Microsoft. Zusammen waren allein diese drei Beteiligungen rund 32,4 Milliarden US-Dollar wert.
Gleichzeitig investiert die SNB grundsätzlich nicht in Aktien von Nestlé, Roche oder Novartis.
Hat die Nationalbank also beschlossen, mit einem gigantischen Staatsvermögen auf amerikanische Technologiekonzerne zu setzen?
Nein. Die Beteiligungen sind vielmehr eine Folge der Schweizer Geldpolitik. Weil die SNB in den vergangenen Jahren enorme Fremdwährungsreserven aufgebaut hat, muss sie diese Mittel anlegen. Einen Teil davon investiert sie möglichst breit und passiv an den internationalen Aktienmärkten.
Die Geschichte beginnt deshalb nicht im Silicon Valley, sondern beim starken Schweizer Franken.
Die wichtigste Aufgabe der SNB besteht nicht darin, an der Börse möglichst viel Geld zu verdienen. Ihr gesetzlicher Auftrag ist es, die Preisstabilität zu gewährleisten und dabei die konjunkturelle Entwicklung zu berücksichtigen.
Dabei spielt der Wechselkurs eine wichtige Rolle. Der Franken gilt international als sicherer Hafen. In Krisenzeiten steigt deshalb häufig die Nachfrage nach der Schweizer Währung. Wertet der Franken stark auf, werden Schweizer Produkte und Dienstleistungen im Ausland teurer. Gleichzeitig verbilligen sich Importe, was den Preisauftrieb in der Schweiz zusätzlich dämpfen kann.
Um eine übermässige Aufwertung zu bremsen, intervenierte die SNB insbesondere in den Jahren nach der Finanzkrise immer wieder am Devisenmarkt. Sie kaufte Euro, Dollar und andere Fremdwährungen und gab dafür Franken aus.
Vereinfacht gesagt kann die Nationalbank dafür neue Franken schaffen. Sie muss die Käufe nicht zuerst mit Steuereinnahmen finanzieren. Kauft sie einer Bank beispielsweise Dollar ab, schreibt sie dieser zusätzliche Franken auf deren Sichtkonto bei der SNB gut.
Dadurch wächst die Bilanz auf beiden Seiten: Auf der Aktivseite erscheinen zusätzliche Fremdwährungsanlagen. Auf der Passivseite steigen gleichzeitig die Verpflichtungen der SNB in Franken. Aus dem Vorgang entsteht deshalb kein kostenloser Reichtum. Die Fremdwährungsanlagen sind kein gewöhnliches Sparkonto, sondern ein Ergebnis der Geldpolitik.
Wie stark diese Anlagen gewachsen sind, zeigt der Vergleich: Ende 2007 besass die SNB Fremdwährungsanlagen im Wert von rund 50,6 Milliarden Franken. Ende 2021 waren es rund 966,2 Milliarden Franken. Per 30. Juni 2026 lag der Wert bei rund 786,1 Milliarden Franken.
Der Betrag verändert sich laufend. Neben Käufen und Verkäufen beeinflussen auch Wechselkurse, Aktienkurse, Anleihepreise und Anlageerträge den in Franken ausgewiesenen Wert.
Fremdwährungsreserven müssen für die Geldpolitik jederzeit verfügbar sein. Gleichzeitig soll ihr Wert langfristig möglichst erhalten bleiben. Die SNB verfolgt bei der Anlage deshalb zwei zentrale Ziele: hohe Liquidität und eine breite Diversifikation.
Per 30. Juni 2026 bestanden die Devisenreserven zu
• 61 % aus Staatsanleihen
• 11 % aus anderen Anleihen
• 28 % aus Aktien
Die Aktien bildeten damit nicht den grössten Teil des Portfolios. Aufgrund der gewaltigen Bilanzsumme steckten trotzdem mehr als 200 Milliarden Franken in dieser Anlageklasse.
Aktien schwanken stärker als sichere Staatsanleihen. Langfristig bieten sie jedoch eine höhere erwartete Rendite und können die Abhängigkeit von Zinsen und Anleihemärkten verringern. Laut SNB verbessern sie dadurch das Verhältnis zwischen Risiko und erwarteter Rendite des gesamten Portfolios.
Die Nationalbank versucht damit nicht, durch besonders riskante Anlagen möglichst hohe Gewinne zu erzielen. Die Geldpolitik hat immer Vorrang. Wenn sie aus geldpolitischen Gründen grosse Bestände verkaufen müsste, würde sie dies auch dann tun, wenn der Zeitpunkt aus Sicht einer Investorin ungünstig wäre.
Die SNB wählt nicht gezielt jene Unternehmen aus, denen sie besonders hohe Kursgewinne zutraut. Ihre Aktienanlagen werden ausschliesslich passiv bewirtschaftet.
Das Direktorium legt zunächst die strategische Verteilung der Anlagen auf Währungen und Anlageklassen fest. Innerhalb der ausgewählten Aktienmärkte orientiert sich die SNB grundsätzlich an der Börsenkapitalisierung. Je grösser ein Unternehmen dort gewichtet ist, desto grösser fällt in der Regel auch die Position der SNB aus.
Nvidia, Apple, Microsoft, Alphabet und Amazon gehören zu den wertvollsten börsenkotierten Unternehmen der Welt. Deshalb erscheinen sie automatisch mit Milliardenbeträgen im Portfolio.
Die Meldung der SNB an die amerikanische Börsenaufsicht SEC zeigt per 30. Juni 2026 unter anderem folgende Positionen:
• Nvidia: rund 65,1 Millionen Aktien im Wert von 13,0 Milliarden US-Dollar
• Apple: rund 41,4 Millionen Aktien im Wert von 12,0 Milliarden US-Dollar
• Alphabet A und C: rund 29,5 Millionen Aktien im Wert von 10,5 Milliarden US-Dollar
• Microsoft: rund 19,9 Millionen Aktien im Wert von 7,4 Milliarden US-Dollar
• Amazon: rund 27,3 Millionen Aktien im Wert von 6,5 Milliarden US-Dollar
Die Nvidia-Position der SNB ist damit inzwischen wertvoller als ihre Apple-Position. Das bedeutet aber nicht, dass die Nationalbank besonders stark an den Erfolg künstlicher Intelligenz glaubt. Es spiegelt vor allem die hohe Börsenbewertung von Nvidia wider.
Insgesamt umfasste die SEC-Meldung 2'301 einzelne Wertpapierpositionen mit einem Gesamtwert von rund 191,4 Milliarden US-Dollar. Sie bildet allerdings nicht das gesamte Aktienportfolio der SNB ab, sondern nur jene Wertpapiere, die unter die amerikanische Meldepflicht fallen. Hinzu kommen Beteiligungen an Unternehmen ausserhalb dieses Meldebereichs.
Dass US-Konzerne besonders stark vertreten sind, ist ebenfalls keine spezielle Wette auf die amerikanische Wirtschaft. Die USA stellen einen sehr grossen Teil des weltweiten Aktienmarktes und beherbergen viele der wertvollsten börsenkotierten Unternehmen. Wer diese Märkte breit nachbildet, erhält deshalb automatisch hohe US-Positionen.
Während die SNB Milliarden in Nvidia, Apple und Microsoft hält, investiert sie grundsätzlich nicht in Aktien oder Anleihen schweizerischer Unternehmen.
Der Grund liegt in ihrer besonderen Stellung. Die SNB entscheidet über die Geldpolitik, verfügt über vertrauliche Informationen zur Schweizer Wirtschaft und kann mit ihren Aussagen die Finanzmärkte bewegen.
Würde sie gleichzeitig Aktien von Nestlé, Roche, Novartis oder anderen Schweizer Unternehmen kaufen und verkaufen, könnten Interessenkonflikte und unerwünschte Signale entstehen. Ein Verkauf könnte beispielsweise als Hinweis verstanden werden, dass die Nationalbank über negative Informationen verfügt.
Auch Aktien systemrelevanter Banken weltweit sind ausgeschlossen. Damit soll verhindert werden, dass Erkenntnisse aus der Rolle der SNB als Zentralbank ihre Anlageentscheidungen beeinflussen oder von den Märkten entsprechend interpretiert werden.
Daneben investiert die SNB nicht in Unternehmen, die nach ihren Kriterien grundlegende Menschenrechte massiv verletzen, systematisch gravierende Umweltschäden verursachen, hauptsächlich Kohle zur Energiegewinnung abbauen oder international geächtete Waffen produzieren.
Ausserhalb dieser Ausnahmen will die Nationalbank jedoch gerade keine politische Auswahl einzelner Branchen oder Unternehmen treffen. Ihr Aktienportfolio soll keine schweizerische Industrie-, Sozial- oder Klimapolitik betreiben, sondern die internationalen Märkte möglichst neutral abbilden.
Bei den grossen Aktienpositionen denkt man zunächst an das Risiko eines Börsencrashs. Für die SNB ist aber auch der Wechselkurs entscheidend.
Ihre Anlagen lauten grösstenteils auf ausländische Währungen. Wertet der Franken gegenüber dem Dollar oder dem Euro auf, verlieren diese Vermögenswerte in Franken gerechnet an Wert.
Die SNB sichert das Wechselkursrisiko ihrer Fremdwährungsreserven nicht gegen den Franken ab. Eine solche Absicherung käme einem Kauf von Franken gegen Fremdwährungen gleich. Dadurch könnte zusätzlicher Aufwertungsdruck auf den Franken entstehen und die Absicherung selbst die Geldpolitik beeinflussen.
Bei einer Bilanz von mehreren hundert Milliarden Franken reichen bereits relativ kleine Marktbewegungen für enorme Gewinne oder Verluste. 2022 verzeichnete die SNB einen Verlust von 132,5 Milliarden Franken. 2025 erzielte sie dagegen einen Gewinn von 26,1 Milliarden Franken.
Im ersten Halbjahr 2026 resultierte vorläufig ein Gewinn von 25,2 Milliarden Franken. Kursgewinne auf Aktien und aktienähnlichen Instrumenten trugen 22,9 Milliarden Franken dazu bei. Dieses Halbjahresergebnis ist jedoch ungeprüft und erlaubt noch keinen verlässlichen Schluss auf das gesamte Geschäftsjahr.
Gewinne können indirekt auch Bund und Kantonen zugutekommen. Zunächst bildet die SNB jedoch gesetzlich vorgeschriebene Rückstellungen und berücksichtigt ihre Ausschüttungsreserve. Nur wenn ihre finanzielle Situation es erlaubt, wird ein Teil des Gewinns ausgeschüttet.
Für das Geschäftsjahr 2025 flossen insgesamt 4 Milliarden Franken an Bund und Kantone. Ein Drittel ging an den Bund, zwei Drittel an die Kantone. Die Dividenden und Kursgewinne von Apple oder Nvidia landen deshalb nicht direkt in der Bundeskasse. Sie sind lediglich Teil des Gesamtergebnisses der SNB.
Umgangssprachlich könnte man sagen, dass die Schweiz einen Teil von Nvidia, Apple oder Microsoft besitzt.
Präziser ist: Die SNB hält diese Aktien als Teil ihrer Währungsreserven. Die Vermögenswerte gehören nicht dem Bundesrat, stehen nicht frei für den Bundeshaushalt zur Verfügung und verschaffen Schweizer Bürgerinnen und Bürgern keinen persönlichen Anteil an den Unternehmen.
Die Nationalbank muss jederzeit auf die Anlagen zugreifen können. Genau deshalb lehnt sie auch die Übertragung eines Teils der Reserven in einen Staatsfonds ab.
Die Schweizer Reserven wurden nicht wie beim norwegischen Staatsfonds aus jahrzehntelangen Erdöleinnahmen angespart. Sie entstanden zu einem grossen Teil durch geldpolitische Massnahmen und stehen entsprechenden Verpflichtungen in der Bilanz gegenüber. Würde ein Teil davon in einen eigenständigen Staatsfonds übertragen, könnte die SNB nicht mehr jederzeit unmittelbar darüber verfügen. Ein solcher Fonds wäre zudem denselben Wechselkursrisiken ausgesetzt und könnte nur dann eine höhere Rendite anstreben, wenn er auch höhere Risiken eingehen würde.
Warum besitzt die SNB also Aktien von Nvidia, Apple und Microsoft?
Weil der starke Franken die Nationalbank über Jahre zu umfangreichen Käufen ausländischer Währungen veranlasste. Weil diese Reserven angelegt werden müssen. Und weil die SNB 28 % ihrer Devisenreserven in Aktien hält, die sie breit und passiv über die internationalen Märkte verteilt.
Die Milliardenposition in Nvidia ist deshalb kein Anlagetipp der Nationalbank und keine Wette auf künstliche Intelligenz.
Sie ist eine ungewöhnliche Nebenwirkung des starken Schweizer Frankens.
[1] Schweizerische Nationalbank SNB: Anlage der Aktiven und Grundsätze der Anlagepolitik; passive Bewirtschaftung der Aktienanlagen und Orientierung an der Börsenkapitalisierung. (snb.ch)
[2] Schweizerische Nationalbank SNB: Struktur der Devisenreserven per 30. Juni 2026; 61 % Staatsanleihen, 11 % andere Anleihen und 28 % Aktien. (snb.ch)
[3] Schweizerische Nationalbank SNB: Fragen und Antworten zur Verwaltung der Anlagen; passive Aktienstrategie, Ausschlusskriterien, Verzicht auf Schweizer Aktien und systemrelevante Banken, Wechselkursrisiken sowie Haltung zur Idee eines Staatsfonds. (snb.ch)
[4] Bundesgesetz über die Schweizerische Nationalbank (Nationalbankgesetz, NBG); gesetzlicher Auftrag, Verwaltung der Währungsreserven, Rückstellungen und Verteilung des ausschüttbaren Gewinns. (fedlex.admin.ch)
[5] Schweizerische Nationalbank SNB: Zwischenbericht per 30. Juni 2026; vorläufiger Halbjahresgewinn von 25,2 Milliarden Franken, davon 22,9 Milliarden Franken aus Kursgewinnen auf Aktien und aktienähnlichen Instrumenten, sowie Fremdwährungsanlagen von rund 786,1 Milliarden Franken. (snb.ch)
[6] Schweizerische Nationalbank SNB: Geschäftsbericht 2025; Jahresgewinn von 26,1 Milliarden Franken, Verlust von 132,5 Milliarden Franken im Jahr 2022 sowie Ausschüttung von 4 Milliarden Franken an Bund und Kantone. (snb.ch)
[7] Schweizerische Nationalbank SNB: Geschäftsberichte 2007 und 2021; Fremdwährungsanlagen von rund 50,6 Milliarden Franken Ende 2007 und rund 966,2 Milliarden Franken Ende 2021. (snb.ch)
[8] U.S. Securities and Exchange Commission SEC: Form 13F der Schweizerischen Nationalbank per 30. Juni 2026; 2'301 Wertpapierpositionen mit einem Gesamtwert von rund 191,4 Milliarden US-Dollar sowie Einzelpositionen in Nvidia, Apple, Alphabet, Microsoft und Amazon. (sec.gov)
[9] Internationaler Währungsfonds IWF: Unabhängige Analyse der Bilanz, der finanziellen Risiken und der Ausschüttungspolitik der Schweizerischen Nationalbank. (elibrary.imf.org)
[10] Reuters: Einordnung des SNB-Ergebnisses im zweiten Quartal 2026 sowie der starken Schwankungen durch Aktienmärkte, Goldpreis und Bilanzgrösse. (reuters.com)
[11] SRF: Einfach erklärt, Argumente für und gegen einen Schweizer Staatsfonds sowie Unterschiede zwischen SNB-Reserven und einem klassischen Staatsfonds. (srf.ch)
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