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Warum Schweizer Stauseen so wichtig für Europa sind

Warum Schweizer Stauseen so wichtig für Europa sind

Wasser in den Alpen ist gespeicherter Strom. Warum diese Fähigkeit für Europas Netz immer wertvoller wird - und warum "Europas Batterie" trotzdem zu einfach ist.

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SchweizWissen Redaktion·3. August 2026·7 Min. Lesezeit

Hoch oben in den Schweizer Alpen liegen gewaltige Mengen Wasser hinter Staumauern. Auf den ersten Blick dienen diese Seen vor allem einem Zweck: Sie liefern Strom für die Schweiz.

Doch ihre Bedeutung reicht weit über die Landesgrenzen hinaus. Denn Wasser in einem Stausee besitzt eine Fähigkeit, die im europäischen Stromsystem immer wertvoller wird: Es kann gespeichert werden - und genau dann Strom produzieren, wenn er gebraucht wird.

Während Wind- und Solaranlagen vom Wetter abhängig sind, können viele Schweizer Speicherkraftwerke ihre Produktion gezielt hochfahren. Das Bundesamt für Energie bezeichnet die Schweiz deshalb als wichtigen Spitzenstromlieferanten im europäischen Netzverbund. Swissgrid wiederum beschreibt die Schweizer Pumpspeicherkraftwerke als bedeutenden Energiespeicher im europäischen Stromsystem.

Doch wie kann ein See in den Alpen dabei helfen, Europas Stromnetz stabil zu halten?

Ein Stausee ist eigentlich ein riesiger Energiespeicher

Das Prinzip ist erstaunlich einfach. Wasser wird in grosser Höhe gespeichert. Wird Strom benötigt, fliesst es durch Druckleitungen nach unten und treibt Turbinen an. Diese wiederum erzeugen Strom.

Der entscheidende Unterschied zu vielen anderen Kraftwerken liegt darin, wann dieser Strom produziert wird.

Bei einem Laufwasserkraftwerk fliesst das Wasser kontinuierlich durch das Kraftwerk. Bei einem Speicherkraftwerk kann ein Teil des Wassers dagegen zurückgehalten werden. Die Energie bleibt gewissermassen im Berg gespeichert. Erst wenn sie benötigt wird, werden die Turbinen eingesetzt.

Deshalb sind Stauseen nicht einfach Wasserreservoirs. Sie sind Energiespeicher.

Pumpspeicher gehen noch einen Schritt weiter

Noch flexibler sind sogenannte Pumpspeicherkraftwerke. Bei ihnen gibt es vereinfacht gesagt zwei Wasserbecken auf unterschiedlichen Höhen. Ist viel Strom vorhanden und die Nachfrage niedrig, wird Wasser vom unteren in den oberen Speicher gepumpt. Steigt später der Strombedarf, fliesst das Wasser wieder nach unten und produziert erneut Strom.

Natürlich geht dabei Energie verloren. Ein Pumpspeicherkraftwerk erzeugt also nicht kostenlos zusätzlichen Strom. Seine Stärke liegt woanders: Es verschiebt Energie von einem Zeitpunkt, an dem sie weniger gebraucht wird, zu einem Zeitpunkt, an dem sie wertvoller ist.

Das wird mit dem Ausbau von Wind- und Solarenergie zunehmend wichtig.

Was passiert, wenn plötzlich zu viel Solarstrom vorhanden ist?

Stellen wir uns einen sonnigen Sommertag vor. In der Schweiz, Deutschland, Italien und anderen europäischen Ländern produzieren Millionen Solarmodule gleichzeitig Strom. Zur Mittagszeit kann die Produktion enorm hoch sein.

Doch einige Stunden später geht die Sonne unter. Die Stromproduktion sinkt - während Haushalte und Unternehmen weiterhin Elektrizität benötigen.

Genau hier können Pumpspeicher helfen. Bei einem Stromüberschuss kann Energie genutzt werden, um Wasser nach oben zu pumpen. Wenn später mehr Strom benötigt wird, fliesst dieses Wasser wieder durch die Turbinen.

Swissgrid weist darauf hin, dass bereits heute an sehr sonnigen Sommertagen überschüssiger Strom zum Hochpumpen von Wasser verwendet wird. Je mehr wetterabhängige Stromproduktion Europa baut, desto wertvoller wird diese Flexibilität.

Warum ausgerechnet die Schweiz?

Wasserkraft gibt es natürlich auch in anderen europäischen Ländern. Doch die Schweiz besitzt dafür aussergewöhnlich gute geografische Voraussetzungen: Auf relativ kurzer Distanz gibt es grosse Höhenunterschiede, hohe Niederschlagsmengen, Gletscher- und Schmelzwasser sowie zahlreiche Täler, die sich für Speicherseen eignen.

Ein Kubikmeter Wasser, der mehrere hundert Meter nach unten fallen kann, besitzt entsprechend viel potenzielle Energie.

Dazu kommt eine Infrastruktur, die über Jahrzehnte aufgebaut wurde. Im zehnjährigen Mittel stammen rund 58,5 Prozent der Schweizer Stromproduktion aus Wasserkraft – dieser Durchschnittswert gleicht aus, dass die Produktion von Jahr zu Jahr je nach Niederschlag und Schneeschmelze schwankt: 2025 lag der effektive Wert bei 55,5 Prozent, wie im Artikel "Wie die Schweiz ihre Wasserkraft optimal nutzt" genauer aufgeschlüsselt wird. Das Bundesamt für Energie unterscheidet dabei unter anderem zwischen Laufwasser-, Speicher- und Pumpspeicherkraftwerken.

Die Alpen sind damit nicht nur eine Landschaft. Sie sind ein wichtiger Teil der Schweizer Energieinfrastruktur.

Strom muss in jeder Sekunde im Gleichgewicht sein

Warum diese Flexibilität so wichtig ist, versteht man erst, wenn man eine Besonderheit des Stromnetzes kennt: Stromproduktion und Stromverbrauch müssen sich praktisch jederzeit die Waage halten.

Wird plötzlich mehr Strom verbraucht als produziert, muss zusätzliche Leistung bereitgestellt werden. Produzieren Kraftwerke dagegen mehr Strom als gerade benötigt wird, muss auch dieser Überschuss ausgeglichen werden.

Bei klassischen Kraftwerken lässt sich die Produktion teilweise anpassen. Bei Sonne und Wind funktioniert das nur begrenzt. Man kann nicht bestimmen, wann die Sonne scheint oder wie stark der Wind weht.

Speicherwasserkraft kann dagegen vergleichsweise flexibel reagieren. Genau deshalb wird sie für ein Stromsystem mit immer mehr erneuerbaren Energien besonders interessant.

Nant de Drance: Eine Batterie tief im Berg

Wie gewaltig solche Anlagen sein können, zeigt Nant de Drance im Wallis. Das Pumpspeicherkraftwerk liegt rund 600 Meter unter der Erde zwischen den Speicherseen Emosson und Vieux Emosson. Sechs Pumpturbinen erreichen zusammen eine Leistung von 900 Megawatt.

Besonders beeindruckend ist ihre Geschwindigkeit: Die Anlage kann in weniger als fünf Minuten vom Pumpbetrieb bei voller Leistung zum Turbinenbetrieb bei voller Leistung wechseln.

Der obere Speicher Vieux Emosson kann rund 25 Millionen Kubikmeter Wasser aufnehmen. Die darin nutzbare Speicherkapazität entspricht ungefähr 20 Millionen Kilowattstunden.

Der Betreiber beschreibt Nant de Drance deshalb treffend als eine gigantische Batterie. Nur besteht diese Batterie nicht aus Lithium, sondern aus Bergen, Wasser, Tunneln und Turbinen.

Warum davon auch Europa profitiert

Entscheidend ist: Die Schweiz besitzt kein isoliertes Stromnetz. Ihr Übertragungsnetz ist über 41 grenzüberschreitende Leitungen mit dem europäischen Verbundnetz verbunden. Strom fliesst deshalb laufend über die Landesgrenzen.

Frankreich produziert beispielsweise grosse Mengen Kernenergie. Deutschland verfügt über enorme Wind- und Solarkapazitäten. Italien besitzt ebenfalls stark wachsende Solarstromproduktion. Und mitten zwischen diesen grossen Strommärkten liegt die Schweiz - mit leistungsfähigen Wasserkraftwerken und Speichern in den Alpen.

Wenn irgendwo viel Strom produziert wird, kann Energie grenzüberschreitend gehandelt und teilweise gespeichert werden. Wenn später zusätzliche Leistung benötigt wird, können flexible Wasserkraftwerke Strom bereitstellen.

Deshalb bezeichnet Swissgrid die Schweiz nicht nur als Transitland, sondern aufgrund ihrer Pumpspeicher auch als grossen Energiespeicher im europäischen Verbundnetz.

Die Schweiz ist aber nicht einfach "Europas Batterie"

Der Begriff klingt gut - ist aber etwas zu einfach. Denn auch die Schweiz braucht Europa.

Vor allem im Winter reicht die eigene Stromproduktion häufig nicht aus. Swissgrid zeigt, dass die Schweizer Inlandproduktion in acht der zehn Winter zwischen 2014 und 2024 den heimischen Strombedarf nicht vollständig decken konnte. Dann importiert die Schweiz Strom aus den Nachbarländern.

Im Sommer sieht die Situation häufig anders aus: Die Schweiz kann überschüssige Produktion exportieren.

Die Beziehung funktioniert also in beide Richtungen. Europa profitiert von der Flexibilität der Schweizer Wasserkraft - und die Schweiz profitiert vom europäischen Strommarkt. Das Schweizer Stromsystem lässt sich deshalb kaum sinnvoll vom europäischen Stromsystem trennen.

Je mehr Wind und Sonne, desto wichtiger werden Speicher

Der europäische Energiemix verändert sich. Solar- und Windkraft werden massiv ausgebaut. Damit entsteht sehr viel CO2-armer Strom - aber nicht immer genau dann, wenn er gebraucht wird.

An einem sonnigen und windigen Tag kann die Produktion enorm sein. In einer kalten, windstillen Nacht sieht es völlig anders aus. Genau diese Schwankungen machen flexible Kraftwerke und Speicher wertvoller.

Batterien können einen Teil dieser Aufgabe übernehmen. Stromnetze können Energie über grosse Distanzen transportieren. Flexible Verbraucher können ihren Strombedarf verschieben. Und Wasserspeicher können Energie über Stunden, Tage oder teilweise noch länger verfügbar machen.

Die Schweizer Alpen werden dadurch zu einem Baustein eines europäischen Energiesystems, das zunehmend von schwankender Stromproduktion geprägt ist.

Wasser lässt sich sogar vom Sommer in den Winter verschieben

Hier besitzen grosse Speicherseen noch einen weiteren Vorteil. Sie können nicht nur Schwankungen innerhalb eines Tages ausgleichen. Wasser kann über längere Zeit gespeichert werden.

Ein Teil des Wassers, das im Sommer durch Niederschläge und Schneeschmelze in die Speicher gelangt, kann zurückgehalten und erst im Winter zur Stromproduktion genutzt werden. Das Bundesamt für Energie bezeichnet Speicheranlagen ausdrücklich als wichtig für die Verlagerung der Stromerzeugung vom Sommer- ins Winterhalbjahr.

Das ist besonders für die Schweiz selbst wichtig. Denn ausgerechnet im Winter ist die Versorgungslage schwieriger: Der Strombedarf ist hoch, während Photovoltaikanlagen deutlich weniger produzieren als im Sommer.

Wasser im Stausee ist deshalb nicht nur gespeicherte Energie. Es ist auch eine strategische Reserve.

Ein Teil des Wassers wird bewusst zurückgehalten

Wie wichtig diese Reserve geworden ist, zeigt die Schweizer Wasserkraftreserve. Für jeden Winter wird eine bestimmte Energiemenge in Speicherseen zurückgehalten. Dieses Wasser darf nicht einfach vorher zur normalen Stromproduktion verwendet werden.

Es steht als Reserve zur Verfügung, falls gegen Ende des Winters eine kritische Versorgungssituation entstehen sollte. Die benötigte Energiemenge wird jährlich neu festgelegt, verwaltet wird die Reserve von Swissgrid.

Damit erhält Wasser in Schweizer Stauseen eine zusätzliche Funktion: Es ist nicht nur Rohstoff für Stromproduktion, sondern Teil der Versorgungssicherheit.

Fazit

Die Bedeutung der Schweizer Stauseen entsteht letztlich aus einer ungewöhnlichen Kombination. Die Schweiz besitzt grosse Höhenunterschiede. Sie verfügt über jahrzehntelang ausgebaute Wasserkraftinfrastruktur. Sie liegt mitten zwischen grossen europäischen Strommärkten. Und ihr Netz ist eng mit den Nachbarländern verbunden.

Gleichzeitig steigt in Europa der Anteil von Stromquellen, deren Produktion vom Wetter abhängt. Damit wird etwas immer wertvoller, das die Alpen schon lange bieten: Energie, die gespeichert und bei Bedarf sehr schnell verfügbar gemacht werden kann.

Die Schweiz kann Europas Energieproblem damit natürlich nicht alleine lösen. Dafür sind ihre Speicher viel zu klein im Verhältnis zum gesamten europäischen Stromverbrauch. Aber sie besitzt eine Fähigkeit, die in einem erneuerbaren Stromsystem besonders wertvoll ist: Flexibilität.

Oder anders gesagt: In den Schweizer Stauseen liegt nicht einfach Wasser. Dort liegt Strom, der darauf wartet, im richtigen Moment gebraucht zu werden.

Gut zu wissen

Mit 285 Metern Höhe ist die Grande Dixence die höchste Gewichtsstaumauer der Welt – schwerer als die Cheops-Pyramide. Dahinter liegt der Lac des Dix, der grösste Stausee der Schweiz: Er fasst bis zu 400 Millionen Kubikmeter Wasser, genug für 160'000 olympische Schwimmbecken. Der Wasserkraftkomplex produzierte 2024 fast drei Terawattstunden Strom – so viel wie rund 500'000 Haushalte im Jahr verbrauchen, etwa so viele wie im ganzen Kanton Bern.

Gebaut wurde die Mauer zwischen 1950 und 1961 von über 3'000 Arbeitern, die bei jedem Wetter in Tag- und Nachtschichten schufteten und in provisorischen Barackendörfern mit eigenem Spital, Post und Kapelle lebten. Eine kuriose Randnotiz: Der junge Jean-Luc Godard arbeitete während der Bauzeit als Hilfsarbeiter dort und drehte später den Dokumentarfilm "Opération béton" darüber.

Quellen

[1] Bundesamt für Energie BFE: Grosswasserkraft; Bedeutung der Speicheranlagen und Verlagerung der Stromerzeugung vom Sommer- ins Winterhalbjahr. (bfe.admin.ch)

[2] Bundesamt für Energie BFE: Schweizerische Wasserkraftstatistik; Anteil der Wasserkraft an der Stromproduktion von rund 58,5 Prozent im zehnjährigen Mittel sowie Unterscheidung zwischen Laufwasser-, Speicher- und Pumpspeicherkraftwerken. (bfe.admin.ch)

[3] Bundesamt für Energie BFE: Stromreserve und Wasserkraftreserve; jährliche Festlegung der zurückgehaltenen Energiemenge und Zweck als Absicherung gegen kritische Versorgungssituationen im Spätwinter. (bfe.admin.ch)

[4] Swissgrid: Die Schweiz im europäischen Strommarkt; Rolle als Spitzenstromlieferant und Bedeutung der Pumpspeicherkraftwerke als Energiespeicher im europäischen Verbundnetz. (swissgrid.ch)

[5] Swissgrid: Stromimport und Stromexport; 41 grenzüberschreitende Leitungen sowie Inlandproduktion, die in acht der zehn Winter zwischen 2014 und 2024 den Bedarf nicht vollständig deckte. (swissgrid.ch)

[6] Swissgrid: Netzbetrieb und Systemgleichgewicht; laufender Ausgleich von Produktion und Verbrauch sowie Nutzung überschüssigen Solarstroms zum Hochpumpen von Wasser. (swissgrid.ch)

[7] Nant de Drance SA: Technische Daten; Lage rund 600 Meter unter der Erde zwischen Emosson und Vieux Emosson, sechs Pumpturbinen mit 900 Megawatt Leistung, Wechsel zwischen Pump- und Turbinenbetrieb in weniger als fünf Minuten, Speichervolumen von rund 25 Millionen Kubikmetern und rund 20 Millionen Kilowattstunden nutzbarer Kapazität. (nant-de-drance.ch)

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